Mutter zu sein ist wohl die herausforderndste und verantwortungsvollste Aufgabe, die ich jemals wahrgenommen habe. Gerade heute am Esstisch habe ich so ein kleines Gedankenkarussel gehabt als die Kinder sich darüber schlapp gelacht haben, wie ich immer wieder genervt eine Fliege von meinem Arm verscheucht habe. Ich dachte: „Ob sie wohl meinen Humor verstehen? … Wir kennen uns ja noch nicht so lange. Erst maximal 2.5 Jahre … ich finde ja in vielen Punkten auch erst heraus, wie sie ticken und was sie für Persönlichkeiten sind … vielleicht geht es ihnen ähnlich… vielleicht müssen sie mich erst kennenlernen…“ Und dann plötzlich der Gedanke, der die Freude und Last der Mutterschaft wieder neu in mein Herz fallen ließ: „Nein, ich bin ihre Welt. Bindungstheorien besagen, dass Nova teilweise noch glaubt sie und ich seien eine Person! Ich bin ihr Vorbild, ihre Welt, ihr ein und alles. Alles, was ich mache und wie ich bin ist für sie normal und richtig. Wow, was für eine Verantwortung!

Und da will ich natürlich nichts falsch machen! Die Babies wurden vollgestillt, schliefen in meinem Bett, wurden viel getragen und werden ständig ermutigt. Sie werden nur von Personen betreut, zu denen sie eine Bindung haben und bekommen möglichst wenig Zucker zu essen. Außerdem werden sie mit altersgerechten Büchern, Spielzeug und Alltagsprogramm versorgt – es soll ihnen schließlich so gut wie möglich gehen, sagt mein Mutterherz!

 

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Wenn sich der Horizont erweitert

Doch mein Mutterherz wurde auch einige Male gebrochen in den letzten Wochen. Ich habe angefangen Strassenpädagogik zu studieren und mir dabei Biografien aus der Dritten Welt zu Gemüte geführt, die ich eigentlich schon aus meinem kinderlosen Leben kannte. Aber jetzt hatte jedes dieser Strassenkinder, den gleichen Wert wie meine eigenen Kinder – unbezahlbar!

Und jedes von zu Hause geflüchtete Mädchen, dass von seinem Vater verprügelt, von ihrem Onkel missbraucht und nun auf der Strasse nur unter dem der betäubenden Wirkung von Drogen seinen „Lebensunterhalt“ mit Prostitution verdienen kann, bricht mir das Herz. Und dann bekommen diese Mädchen auf der Strasse selber Babies. Babies wie meine. Und niemand interessiert sich für Beikosteinführung, Bindungstheorien, altersgerechte Bücher oder die neusten Designerspielzeuge. Es geht ums nackte Überleben. Unter Drogeneinfluss, dem Klima und Wetter und allen anderen Gegebenheiten auf der Strasse ausgesetzt. Und diese Babies haben nichts falsch gemacht, tragen keine Verantwortung für ihre Situation und trotzdem haben sie so einen unbeschreiblich schlechteren Start ins Leben als meine Kinder.

Und dann steht der Alltag mit meinen Kindern und das Ziel meiner Mutterschaft plötzlich in einem ganz anderen Licht. Mein Horizont ist größer und damit wächst irgendwie auch meine Verantwortung.

Was wenn mein Ziel gar nicht mehr ist, dass ich für meine Kinder alles richtig – bzw. bequem – mache? 

Unseren Kindern wurde doch schon vor der Geburt der rote Teppich ausgerollt. Schon bevor sie das Licht der Welt erblickten stand ein weiches, sauberes, keimfreies Bettchen bereit. Meistens eins in jedem Zimmer. Sie erwartete ein neu gestrichenes, wunderschön dekoriertes und liebevoll designtes Kinderzimmer in dem sie die nächsten 12 Monate maximal 20 Minuten am Tag verbringen würden. Denn sie würden ja in den bereitgestellten Tragetüchern und Manducas so eng wie möglich an Mamas Herzen getragen werden, oder? In der Weltgeschichte ging es selten mal einer Generation so gut wie unserer und der unser Kinder. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen und uns alle möglichen Probleme wie Social Media-Stress und Burn-Out einhandeln, aber wir können nicht verleugnen, dass wir in Frieden und Wohlstand aufwachsen – und, dass wir damit nur einen sehr geringen Teil der Weltbevölkerung ausmachen.

Was wenn ich zulasse, dass diese Tatsache das Ziel meiner Mutterschaft verändert? Was wenn meine Aufgabe deshalb nicht bei meinen eigenen Kindern endet? Was wenn schon meine Erziehung ein Teil meiner Verantwortung für diese Welt widerspiegelt? Wie wäre es, wenn mein Ziel nicht ist, meine Kinder bequem, gesund und erfolgreich durchs Leben zu bringen, sondern ich sie zu verantwortungsvollen Weltbürgern erziehe? Was, wenn der Horizont unserer Familie von Anfang an die weite Welt wäre?

Ich kann und will irgendwie mit dem Wissen um diese Schicksale, dort im dritten Teil meiner Welt, nicht einfach so unverändert weiterleben. Die Geschichten dieser Frauen und Kinder verändern, wie ich über die Erziehung meiner eigenen Kinder denke und ich habe ein paar Prinzipien entwickelt, die mir auf dem Weg helfen.

„Just a reminder in case your mind is playing tricks on you today. You matter. You’re important. You’re loved. And your presence on earth makes a difference whether you see it or not.“

– @healthyisthenewskinny

 

Die Kinder sind nicht mein Lebensinhalt

In einer Welt ohne (lebensbedrohliche) Probleme, werden unsere Kinder schnell zum Lebensinhalt. Kinder sind heutzutage mehr als unsere Nachkommen. Sie sind unser Image, unsere Selbstverwirklichung und unser Lebensinhalt. Es gibt nichts höheres und wichtigeres für das wir leben, als nur für sie allein. Ich selbst denke manchmal so.

Dabei gibt es in meiner Vorstellung tatsächlich neben meinen Kindern, wichtige Lebensinhalte. „Meine Kinder sind nicht meine Berufung, sie sind ein Geschenk an mich“, hat Doris Lindsay hier finde ich wundervoll geschrieben. Und das stimmt. Ich habe eine Lebensaufgabe – oder mehrere – in die meine Kinder hineingeboren werden. Sie werden Teil meines Lebens, aber es wäre eine große Beschränkung, wenn ich sagen würde, dass sie mein wichtigster Lebensinhalt sein sollen. Abgesehen davon, glaube ich, dass wir unseren Kindern damit unbewusst eine viel zu große Last auferlegen. Sie sind nicht dazu geschaffen unsere Defizite auszufüllen.

 

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Dankbarkeit vorleben und bewusst machen

Ja, man vergleicht sich immer mit dem was man vor Augen hat. Eine zeitlang waren das auch bei mir die Bilder von wunderhübschen Instagramprofile und Blogs mit Interior-Design und Kindermode. Und da komme ich mir oft ganz schön arm und uncool vor.

Aber seitdem ich wieder regelmäßig die Welt von Strassenkindern und Obdachlosen vor Augen habe, sehe ich mein Leben mit neuer Dankbarkeit. Diese Erfahrung möchte ich meinen Kinder nicht vorenthalten. Natürlich nicht mit „Iss deinen Teller leer, in Afrika haben die Kinder nichts zu essen.“ Aber vielleicht mit einem Bild am Kühlschrank von einem Kind, dem wir am anderen Ende der Welt Schulbildung und eine Mahlzeit am Tag finanzieren. Oder indem ich einfach meine Dankbarkeit für sonst oft selbstverständlich wirkende Dinge ausdrücke: Unser Bett, unser Essen, unseren Kinderarzt, unser Spielzeug, unsere Familie. Ich sage meinen Kinder wie gut es ist, dass wir im Warmen sitzen wenn es draußen regnet und wie schön es ist, dass wir heute ein Eis essen gehen können. Und bestimmt wird der Tag kommen an dem sie erfahren werden, dass all dass für viele Kinder auf der Welt nicht selbstverständlich ist.

 

„Wir sind eine Familie, wir helfen und teilen miteinander“

Ich wiederhole diesen Satz im Alltag ständig. Häufig in Verbindung mit Lob oder Korrektur. Vielleicht scheint es einigen stumpf und vielleicht wird es meine Kinder zeitweise nerven, ist mir egal. Dieser Satz ist mir wichtig! Noch wichtiger ist mir, dass dieser Satz hier bei uns zu Hause gelebt wird. Ich helfe Liam beim Spielzeug einräumen, denn „wir sind eine Familie und wir helfen einander“. Es gibt hier (noch) kein eigenes Spielzeug für jedes Kind, denn „wir sind eine Familie und wir teilen miteinander“. Die Kinder unterstützen mich beim Kochen und ich sage ihnen Danke, denn sie haben mir super geholfen und das wollen wir in unserer Familie genau so machen: „Wir helfen und teilen miteinander“.

Ich glaube, dass die Werte die man als Kind in der eigenen Familie lebt, dazu beitragen wie man später mit anderen Menschen umgeht. Und ich möchte, dass Liam und Nova eines Tages diese teilweise sehr kaputte Welt ansehen und sich erinnern: „Wir sind eine Familie und wir helfen und teilen miteinander.“

 

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Den Kindern etwas zumuten

Verbunden damit, dass es in meinem Leben andere Menschen und einen Jesus gibt, die mir neben meinen Kindern sehr am Herzen liegen, glaube ich, dass meine Kinder es nicht nur ertragen können, sondern es ihnen gut tut, wenn ich ihnen etwas zumute. Ich glaube, sie werden diese Zumutung nicht nur überleben, ich glaube sogar, dass sie davon profitieren werden. Zu wissen, dass Mami sie heute Abend nicht ins Bett bringt, weil sie in den Gottesdienst geht oder zu hören, das wir heute Nachmittag nicht in den Zoo gehen, weil Mama sich mit einem Mädchen trifft, dass sie gerne fördern möchte und die Zumutung, dass meine Kinder mich in dieser Zeit ab und zu nicht unterbrechen sollen und alleine nebenher etwas spielen können, wird sie zu Menschen machen, die wissen, dass sie nicht der Nabel der Welt sind. Denn das ist niemand von uns. Und vielleicht werden sie irgendwann überlegen, wem sie selbst helfen können und jemandem anderen eine Absage zumuten, weil sie gerne Jesus im Gottesdienst treffen wollen.

„I could do all the right things

Sing the words till they bleed

But I know it’s just noise

If I don’t have love“

– Hillsong United, Greatest of These

 

Die Kinder mit Liebe überschütten

Ich helfe und unterstütze nicht aus einem Pflichtgefühl heraus. Ich helfe, weil ich liebe. Und ich liebe, weil ich geliebt bin (so viel Soziologie und Theologie in einem Satz. Oh Mann! Herzlichen Glückwunsch, du bist noch am Ball – dieser Artikel ist wirklich lang. Das hier ist der letzte und wichtigste Punkt, versprochen! ;-)). Und das sollen meine Kinder wissen, bevor sie irgendetwas anderes wissen: Sie sind geliebt.

Sie sollen zwar auch wissen, dass sie weder mein Lebensinhalt noch der Nabel der Welt sind, aber noch viel mehr sollen sie wissen, dass kein noch so hilfsbedürftiger Mensch in Mamas Leben, jemals ihren Platz einnehmen kann. Nur geliebte Menschen können lieben und deshalb will ich meine Kindern – in all meiner Unvollkommenheit – jeden Tag zeigen wie sehr ich sie liebe. Ich habe einen kleinen Spruch den wir randomly, immer wieder einfach so zwischendurch wiederholen:

Ich frage: „Liam, weißt du wie lieb ich dich habe?“

Er streckt seine Arme aus und sagt „Sooo lieb“

Dann frage ich: „Und wann habe ich dich lieb?“

„Imma, imma, imma!“, antwortet er (das ist eine Anspielung auf unser Abendritual).

„Und wer hat dich noch lieb?“ ist meine letzte Frage. Und Liam streckt die Arme in den Himmel und sagt „Gott liebt mich“ und umarmt sich beim letzten Wort selbst – so wie er es in der Kinderkirche und vor jedem Essen gelernt hat.

Letztens habe ich in meinen Insta-Stories gezeigt, wie Liam etwas genervt, brav und stumpf die Antworten auf meine Fragen gibt. Und ja, genau so soll es sein! Er soll sich so sehr geliebt wissen, dass es ihm zu den Ohren wieder raus kommt. Von mir aus kann er die Augen drehen und sich fragen warum mir das so wichtig ist. Ich bin überzeugt, es werden Momente in seinem Leben kommen, da wird er verstehen, warum es jetzt gerade von unendlich großer Bedeutung ist, dass er diese Sätze wiederholt hat, bis sie sich tief in sein Herz eingebrannt haben: „Ich bin geliebt!“

Ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken, ob ich sie zu sehr mit Liebe verwöhne oder ob ich sie zu viel ermutige und mit Komplimenten überschütte. „Nicht dass sie noch stolz und arrogant werden“ höre ich meine Vorväter im Hinterkopf raunen. Und immer wieder entscheide ich mich, diesen Gedanken nicht zu glauben. Ich will an Liebe nicht sparen, mit Ermutigung und Komplimenten großzügig sein. Meine Kinder sollen mit Liebe überschüttet werden. Denn das ist unsere tiefste von allen Überzeugungen: Wir sind geliebt. Die Babies wurden vollgestillt, schliefen in meinem Bett, wurden viel getragen und werden ständig ermutigt. Sie werden nur von Personen betreut, zu denen sie eine Bindung haben und bekommen möglichst wenig Zucker zu essen. Außerdem werden sie mit altersgerechten Büchern, Spielzeug und Alltagsprogramm versorgt – denn sie sind geliebt, sagt mein Mutterherz!

 

 

Das sind meine Ideen und ersten Schritte, den Horizont meiner Kinder durch meine Erziehung zu erweitern. Die Liste ist bestimmt noch endlos und sicher haben viele von euch weitere gute Ideen, wie wir unsere Kinder zu dankbaren, verantwortungsbewussten und hilfsbereiten Erdenbürgern erziehen. Ich würde mich freuen, von euch zu lernen!

Lasst uns unsere Privilegien nicht für selbstverständlich halten, sondern sie nutzen damit es anderen besser geht. Das ist wohl die herausforderndste, weitreichendste Aufgabe, die sich mit als Mutter stellt.

5 replies on “Wie wir versuchen unsere Kinder zu dankbaren, verantwortungsbewussten und hilfsbereiten Menschen zu erziehen

  1. DANKE für so tiefe und wertvolle Gedanken! Du sprichst mir aus dem Herzen. Wir tragen eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern, die nicht damit getan ist, ihnen nur das Beste zu bieten, sondern sie genauso einen guten Umgang mit Niederlagen und Zumutungen im Leben zu lehren. Und danke für den Gedanken mit der Liebe, zu viel gibts nicht, eher zu wenig, da wir sehr viel erwarten an Leistung von unseren Kids, wir mussten das Loben erst einmal richtig lernen. Kritik fällt einem immer einfacher, aber es sind die positiven Worte, die positive Auswirkungen haben.

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