Zeit läuft nicht chronologisch. Ganz bestimmt nicht. Die Griechen kennen zwei Worte für „Zeit“. Chronos beschreibt die fortlaufende Zeit, die wir auf der Uhr ablesen können. Kairos hingegen beschreibt einen Moment in der Zeit. Einen Moment, der die Zeit stillstehen lässt, der unsere Zeitwahrnehmung verändert. Für kairos zählt nicht wie lange etwas gedauert hat. Für kairos ist wichtig wie intensiv es war. Hat es uns verändert?

So einen kairos habe ich vor einigen Tagen erlebt. Unsere Tochter Nova wurde geboren und jetzt ist nichts mehr wie vorher! Wir sind nicht mehr ein Paar mit Kind, wir sind eine Familie mit zwei Kindern. Wir haben nicht mehr einen Sohn, Liam, wir sagen jetzt „unsere Kinder“. 

Ich fuhr morgens ins Krankenhaus und kam nachmittags mit Baby Nova nach Hause. Und in diesen wenigen Stunden war ich nicht nur noch einmal Mama von einem Baby geworden, ich war plötzlich auch Mama von einem großen Jungen (,der mir wenige Stunden vorher noch wie ein Baby vorkam). In diesem einen kairos war Liam in meinen Augen vom Baby zum Jungen geworden; frech, groß, verständnisvoll, selbstständig, ernst zu nehmen, fürsorglich, provokant, humorvoll.

 

 

In einem Moment veränderte sich so viel. Ich bin sicher; Zeit läuft nicht chronologisch.

In den Tagen Bettruhe nach der Geburt vertrieb ich mir die Zeit u.a. mit Familien Zeitschriften lesen. Und plötzlich war mein Blick ein ganz neuer. Wenn ich von Eltern von einem Kind las, die sich darüber ausließen wie wenig Zeit sie haben, welches Bio Essen sie kochen sollen oder ob es pädagogisch, psychologisch oder sonst irgendwie relevant sei ob ein Kind fünf Minuten weint, ertappte ich mich plötzlich dabei darüber zu schmunzeln. 

Einige Fragen stellen sich plötzlich nicht mehr mit zwei Kleinkindern. Ich denke so anders plötzlich. Mein erstes Kind wurde in Watte gepackt und jeder desinfizierte sich die Hände vor einer Berührung. Der kleinen Nova wurde schon an ihrem ersten Lebenstag der angeschnodderte Schnulli vom Brüderchen in den Mund geschoben. Als mein Mann einmal abends für zehn Minuten das Haus verließ, wurde der Große plötzlich wach – ich ging wie immer hin um ihn zu trösten. Da ging das Geschrei erst richtig los und zwar im Nebenzimmer. Und dann war Liam wirklich wach – mit besorgtem Blick: „Meine Schwester weint!“. Ja, und plötzlich stellt sich die Frage nach Pädagogik und Bindungstheorien nicht mehr – jetzt war Überleben angesagt! „Liam hier ist eine Flasche“ (ja, die wollten wir abgewöhnen –egal) „..Moment, ich komme gleich!“…“Schschsch, Nova, komm hier ist ein Schnulli (Saugverwirrungen haben schließlich andere!)… „Baaabaaak, wo bist duuhuu…?“.
Jetzt ist sie da unsere kleine Nova. Und in einem kairos hat sie unsere ganze kleine Familie verändert. Nein, Zeit läuft ganz bestimmt nicht chronologisch. Sie besteht aus Momenten die wir nie vergessen werden, die für immer alles ändern, die mich verändern. Und ich freue mich auf jeden dieser Momente mit „meinen Kindern“.

One thought on “Zeit läuft nicht chronologisch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s