Vor einiger Zeit griff ich auf einer Hochzeit beim Empfang mal wieder nach dem O-Saft anstatt dem Sekt und sagte dabei zu meiner Freundin (mit ein bisschen Ärger in der Stimme): „Irgendwie liegen die Hochzeiten immer so, dass ich gerade schwanger bin!“. Da mussten wir beide lachen, denn nicht die Hochzeiten liegen falsch – ich war von den letzten 25 Monaten einfach mal 20 Monate schwanger!

Jetzt ist diese Phase erstmal (?) vorbei und ich erlaube mir einen kleinen Rückblick.

 

Früher waren wir mit meiner Familie im Urlaub oft in den Bergen und haben Wanderungen gemacht. Ich habe nie die Zugspitze erklommen oder so, aber im Rückblick erinnert mich eine Schwangerschaft sehr an so eine Bergtour, bzw. das was ich von „richtigen“ Bergsteigern gehört habe. Wie jeder Berg ist jede Schwangerschaft unterschiedlich. Der Berg selbst, der eigene Körper und die äußeren Umstände spielen  entscheidende Rollen. Und so unterschiedlich jeder Berg, jeder Route und jede Schwangere auch ist, man startet immer mit einem klaren Ziel: Mein Baby in den Arm zu schließen – der Gipfel! Das Höchste der Gefühle! Und doch ist dieses Ziel anfangs weit entfernt und man setzt einen Schritt vor den anderen um diesem Ziel in langen zehn Monaten immer etwas näher zu kommen. Schwanger sein ist kein Sprint, habe ich festgestellt – es ist eine lange Reise, auf der ich oft zum O-Saft griff.

Die großen Taten der Menschen sind nicht die, welche lärmen. Das Große geschieht so schlicht wie das Rieseln des Wassers, das Fließen der Luft, das Wachsen des Getreides. -Adalbert Stifter

Meine Schwangerschaften haben sich sehr voneinander unterschieden. Nicht, dass tatsächlich etwas groß anders war – aber ich war anders beim zweiten Mal. Beim ersten Mal wartete hinter jeder Weggabelung eine neue Überraschung auf mich. Wie beim ersten Mal auf einer Bergtour – alles ist aufregend, bezaubernd und neu! Und diese überwältigenden Fragen: „Kann das tatsächlich sein? Bin ich das? Werde ich am Ende ein echtes Baby haben? Ist das möglich? Ein Kind in mir!?“. Beim zweiten Mal wusste ich schon: „Ja, das ist möglich. Ich kann das schaffen. Ein Kind in mir.“ Und ich war umso ungeduldiger. Ich glaube ich habe deshalb die erste Zeit etwas von dem Zauber verpasst. Ich war so ungeduldig, habe nur an das Ziel gedacht, wollte endlich ankommen, dass ich ganz vergessen habe mich umzusehen und den Weg zu genießen. Jeden einzelnen Schritt bewusst zu machen und im hier und jetzt zu leben!

Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. – Albert Einstein

Der beste Bergsteiger ist derjenige, der den meisten Spaß hat. – Alex Lowe

 

In der Mitte der Schwangerschaft ging es mir beide Male gleich: „Wow, ich habe schon ein Drittel geschafft! Das ging dann doch schneller als gedacht. Und es geht mir gut! Das macht ja richtig Spaß! Und ich bin echt noch fit!“ Beim Bergsteigen ist an diesem Punkt die Aussicht schon richtig schön und die Energie noch nicht so sehr verbraucht. Es macht Spaß, man kommt voran und das Ziel rückt immer mehr in Reichweite. Auch der Bauch ist langsam auch für andere sichtbar und so war ich ab diesem Zeitpunkt nicht nur für mich schwanger, sondern auch sichtbar für meine Mitmenschen. Aber dann kamen die Rückenschmerzen und beim zweiten Kind gab es noch weniger Raum darauf Rücksicht zu nehmen. Und wäre es eine Bergtour gewesen, wäre ich wahrscheinlich an diesem Punkt an einigen Stellen bereit gewesen umzudrehen – vergessen wir das, ich schaffe das nicht! Aber eine Schwangerschaft ist eine One-Way-Reise. Einmal losgegangen gibt es kein zurück mehr (zumindest wünschte ich von Herzen, es wäre immer so). Und so kamen mir die Schritte beschwerlich vor. Ich spürte jeden einzelnen in meinem ganzen Körper. Und schleppend ging es auch voran. Schritt für Schritt. Wo war nochmal das Ziel?? Warum das alles eigentlich? Gibt es eine Abkürzung? Adoption?

Am Ende werden wir den Berg gerade deshalb lieben, weil er uns das Äußerste abverlangt, für einen kostbaren Augenblick hoch über das Alltagsleben erhoben hat und uns die Schönheit einer Reinheit gezeigt hat, die wir nie erfahren hätten, hätten wir dem Berg nichts ins Angesicht gesehen. – Francis Younghusband

Doch dann kam das Schönste! Das Ende. Die letzten Meter haben mir nochmal richtig Freude bereitet. Jede Nacht die ich durchschlafen konnte habe ich gefeiert. Die Rückenschmerzen waren weg. Alle anderen Wehwehchen fielen plötzlich nicht mehr so ins Gewicht. Ich war auf dem Weg zu meinem Baby. Bald ist es soweit! An diesem Punkt hat mich in der ersten Schwangerschaft oft ein bisschen Angst und Zweifel gepackt: „Schaffen wir das wirklich? Dann wird alles anders! Und die Geburt!?“ Da ist schon das eine oder andere Tränchen geflossen. Beim zweiten Mal war ich voller Vorfreude. Ich wusste, dass ich das schaffe! Klar waren da Unsicherheiten: „Wird alles gesund sein? Wieder alles gut gehen bei der Geburt?“, aber vor allem war da Vorfreude! Unser Baby kommt bald!

Du musst loslassen um gehalten zu werden. – Hans-Peter Royer

Und dann kommt beim Bergsteigen der Punkt, an dem der Weg nicht mehr befestigt ist. Du brauchst Hilfe, die letzten Meter kannst du nicht alleine gehen. Jemand muss dich sichern, jemand dich anfeuern. Die letzten Meter sind rutschig, anstrengend, richtig Arbeit. Man kommt nicht zum Gipfel ohne sich die eine oder andere Schramme abzuholen, ohne das eine oder andere Mal zu fluchen. Aber der Weg den wir bis dahin hinter uns gebracht haben, gibt uns die Erfahrung, den Ehrgeiz, den Mut und die Entschlossenheit hier nicht aufzugeben. Eine Geburt verlangt einem alles ab, es ist wie Extase. Ein Punkt an dem mir egal ist wer mir zusieht, egal was andere denken – alles egal! Nur dieser Schmerz und dieses Baby!

Oben angekommen, ich schäme mich nicht, es einzugestehen, habe ich geweint. Ich bin niedergekniet und habe geweint. Und ich dachte, auch wir – die Italiener – haben etwas Schönes vollbracht. Ein großer Sieg. – Nach der K2-Erstbesteigung am 31. 7. 1954

Dieser Moment in dem Nova schleimig und wunderschön vor mir lag. Der Moment in dem ich sie ohne jeden Zweifel oder Zögern, voller Liebe und überwältigt von ihrer Schönheit in meine Arme geschlossen habe. Wie ich sie willkommen geheißen und geküsst habe, diesem Moment werde ich niemals vergessen! Und wahrscheinlich werde ich niemals daran denken können ohne Tränen in den Augen zu haben. Denn an diesem Punkt vom Weg weiß man: Das war es wert! Wie gut, dass es kein Zurück gab! Nichts in der Welt hätte ich lieber getan als diesem Weg zu gehen!

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