Ich wollte nie Karriere machen. Dieses kapitalistische Streben nach Höher-Schneller-Weiter und der unstillbare Hunger nach Macht und Einfluss war mir schon als Teenager wahnsinnig unsympathisch. Ich hatte Angst um meine Seele und so konzentrierte ich mich auf diese und studierte Theologie und Strassenpädagogik (ich werde immer wieder gefragt, wo man das machen kann. An der Uni Heidelberg gibts eine Fortbildung dazu =) #servicehinweis). Und während ich beruflich in christliche Netzwerke hineinwuchs, wuchs sich auch als Frau. Ich wurde älter und hinterfragte den Status Quo. Mir stellten sich immer mehr Fragen, was Gott so über Frauen denkt. Denn ich sah Ungerechtigkeiten, die seit Jahrhunderten normal zu sein schienen, die mir nicht gefielen. Gott sei Dank, hatte ich ja nun gelernt, die Bibel zu interpretieren und machte mich auf die Suche. Gern hätte ich von jeder Menge frommen, vollzeitlich ehrenamtlichen Frauen gelesen – denn so eine wollte ich ja sein. Aber anstatt dessen fand ich Karrierefrauen. Eine nach der anderen.

Dieses kapitalistische Streben nach Höher-Schneller-Weiter und der unstillbare Hunger nach Macht und Einfluss war mir schon als Teenager wahnsinnig unsympathisch

Wenn ich heute die Bibel lese, habe ich immer häufiger den Eindruck, dass es für Gott etwas sehr Normales ist, dass begabte Frauen ihre Talente einsetzen, um einen Beruf erfolgreich und einflussreich auszuüben. Ich denke zum Beispiel an Debora. Sie wird mit den Worten „Debora, eine Prophetin, die mit Lapidot verheiratet war, war zu dieser Zeit Richterin in Israel“ (Richter 4,4) vorgestellt. Mich begeistert die Selbstverständlichkeit, die darin steckt. An keiner Stelle scheint der Autor es für nötig zu halten, zu betonen, dass sie eine Frau war, oder zu erklären, mit welcher Berechtigung sie diesen Beruf ausübte, obwohl sie eine Frau war. Es wird in den Fußzeilen nicht diskutiert, in welchem Kontext zur feministischen und zur konservativen Theologie die Erzählung über diese erfolgreiche Frau steht. Sie steht dort einfach. Weil Debora begabt war und dazu berufen, etwas zu bewegen. Gott hatte ihr natürliche und übernatürliche Fähigkeiten geschenkt, die sie in ihrer Tätigkeit als Richterin einzusetzen wusste, und so wurde sie erfolgreich und für alle Zeiten berühmt.

Auch scheint sich in der Bibel die Entscheidung zwischen einem Job und ehrenamtlichem Engagement viel seltener zu stellen, als ich es gewohnt bin. Häufig habe ich den Eindruck, es gilt als etwas Negatives, einen Beruf, bei dem man viel Geld verdient, auszuüben. Irgendwie scheinen wir Angst um unsere Demut zu haben, und weil viele erfolgreiche und reiche Menschen stolz und habgierig sind, fürchten wir, wir würden ebenfalls so werden, wenn wir die Karriereleiter zu hoch emporsteigen. Aber wer sagt denn, dass man nicht erfolgreich und im Anblick der gottgeschenkten Gnade nur umso demütiger werden kann? Wer sagt denn, dass man mit dem vielen Geld, das der Job einbringt, nicht die Gemeinde bauen kann? Noch nie wurde ein Haus ohne Geld gebaut, auch keine Kirche. Die Menschen, die die Gemeinde bauen, am Leben erhalten, andere begleiten … sie alle müssen versorgt werden, und das kostet Geld. Das war schon in den ersten Gemeinden so. Vielleicht war deshalb der Geburtsort der Kirche Europas das Zuhause einer erfolgreichen Geschäftsfrau. Der Theologe Klaus Berger schreibt, dass jeder Altar in unseren Kirchen eine leise Erinnerung daran ist, wie die Kirche in Europa einmal begonnen hat: nicht in Kathedralen oder Kirchen, sondern am Küchentisch von Lydia.53 Lydias Geschichte, wie Lukas sie beschreibt, ist kurz und informativ:

Am Sabbat gingen wir ans Ufer eines Flusses etwas außerhalb der Stadt, weil wir annahmen, dass die Einwohner sich hier zum Gebet trafen, und wir setzten uns hin, um mit einigen Frauen zu sprechen, die dort zusammengekommen waren. Eine dieser Frauen war Lydia aus Thyatira, die mit kostbaren Purpurstoffen Handel trieb. Sie war keine Jüdin, hielt sich aber zur jüdischen Versammlung. Während sie uns zuhörte, öffnete der Herr ihr das Herz für die Botschaft, die Paulus verkündete. Sie ließ sich zusammen mit allen, die zu ihrem Haus gehörten, taufen und bat uns, ihre Gäste zu sein. „Wenn ihr wirklich der Meinung seid, dass ich dem Herrn treu bin“, sagte sie, „dann kommt und bleibt in meinem Haus.“ Und sie drängte uns so lange, bis wir nachgaben.

Apostelgeschichte 16,13-15

Als Paulus und seine Mitarbeiter in die Handelsstadt Philippi kamen, suchten sie Menschen, die Jesus brauchten und mit denen sie eine Gemeinde gründen konnten. Irgendwie hörten sie von Frauen, die sich regelmäßig am Fluss zum Beten trafen. Wäre Paulus wohl zu dieser Menschengruppe gegangen, wenn er so auf Frauen herabgesehen hätte, wie es ihm teilweise vorgeworfen wird?

Sie trafen also eine Gruppe Frauen. Die Bilder, die früher meinen Kopf bei den Worten „Frauen am Fluss“ füllten, waren die von armen Frauen in Entwicklungsländern, die am Fluss ihre Kleidung waschen. Doch hier war die Situation ganz anders, denn die Frauen, denen Paulus dort begegnete, waren wohlhabende Geschäftsfrauen. Unter der Woche besuchten reiche Geschäftsmänner mit ihren Frauen und knallharte Händler die Purpurhändlerin Lydia in ihrem Modegeschäft. Und hier am Fluss trafen sich Lydia und ihre Freundinnen am Wochenende nicht zum Lästern, Kaffee trinken oder zur Hausarbeit, sondern sie tankten Kraft für ihre harte Arbeit mitten in der Handelsstadt, indem sie miteinander beteten. An diesem einen Tag kam nun Paulus vorbei, erzählte ihnen von Jesus, und Gott selbst veränderte in diesem Moment Lydias Herz. Sie war entschlossen, ihr Leben in die Hände von Jesus zu legen, überzeugte auch ihre Angestellten, dies zu tun, und ließ sich zusammen mit allen Menschen, die für sie arbeiteten und mit ihr lebten, taufen. Hier würde die Geschichte enden, wenn Lydia nicht eine so selbstbewusste Frau gewesen wäre. Paulus und seine Mitarbeiter waren darauf bedacht, niemandem zur Last zu fallen und selbst für ihre Unterkunft und Verpflegung zu sorgen, doch Lydia hatte Feuer gefangen. Sie wollte mehr, wollte die von Gott geschenkte Gnade weitergeben und ihre Fähigkeiten einsetzen und so nötigte sie Paulus und seine Leute, bei ihr zu Gast zu sein. Sie ließen sich überzeugen – wahrscheinlich ähnlich wie all die Händler und Kunden, die Lydia täglich für ihre Stoffe begeisterte – und zogen bei Lydia ein. Keine Rede von Geschlechterunterschieden, von unverheirateten Männern, die nicht bei alleinstehenden Frauen wohnen dürfen. Kein Wort von all den Problemen, die in unserer Kirchenwelt in solchen Situationen diskutiert werden würden. Denn Lydia und Paulus hatten ein Ziel: das Böse bekämpfen und eine Kirche bauen. Und so wurde Lydias Haus nicht nur der Ort, an dem Paulus zu Gast war, sondern auch der Zufluchtsort, an den er zurückkehrte, nachdem er aus dem Gefängnis freigekommen war54, und der Ort, an dem die Kirche der Philipper gegründet wurde. Lydia war eine beispielhafte Karrierefrau, die sich von Gott bewegen ließ und ihre Fähigkeiten und Ressourcen großzügig einsetzte. Nirgendwo ist die Rede davon, dass sie, nachdem sie Jesus kennengelernt hatte, ihren Beruf niederlegte, niemand sagte ihr, sie solle das tun. Nein, ihr Beruf und ihr Wohlstand waren es, die dabei halfen, die erste Kirche zu bauen.

Solche Frauen treffen wir im Neuen Testament noch häufiger, denn Jesus war von ihnen umgeben. Viele Frauen folgten Jesus nach und dienten ihm mit ihrem Vermögen. Sie unterstützten Jesus mit dem, was sie in ihrem Job verdient hatten. Das „Dienen“ hier meint nicht einen Tischdienst oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten wie Kochen oder Putzen, sondern bedeutet ganz eindeutig wirtschaftliche Fürsorge. Die Frauen wurden nach griechisch-römischem Vorbild zu einer Art „Patronin“, und wir können uns nur ausmalen, wie schockierend und provozierend es für die damalige Kultur war, dass Jesus dieses emanzipierte Verhalten der Frauen unterstützte und sogar selbst davon profitierte. Jesus war ganz eindeutig ein Freund der Frauen in jedem Lebensbereich.

Wir können uns nur ausmalen, wie schockierend und provozierend es für die damalige Kultur war, dass Jesus dieses emanzipierte Verhalten der Frauen unterstützte und sogar selbst davon profitierte. Jesus war ganz eindeutig ein Freund der Frauen in jedem Lebensbereich.

In Sprüche 31 wird eine weitere vorbildliche Frau beschrieben. Sie ist die Frau aller Frauen, die Power-Frau der Bibel, das Vorbild von christlichen Frauen über Jahrhunderte. Im Kapitel über Frauen in der Familie werde ich alle Wirkungsbereiche der tugendhaften Frau in den Sprüchen aufgreifen, doch hier möchte ich nur diejenigen ihrer herausragenden Fähigkeiten betonen, die sich mit ihrem wirtschaftlichen Wirken beschäftigen:

Vor Morgengrauen steht sie auf, um das Frühstück für das ganze Haus zuzubereiten und den Mägden ihre Arbeit anzuweisen. Sie hält nach einem Feld Ausschau und kauft es, um von dem Gewinn einen Weinberg anzupflanzen. Sie ist energisch und stark und arbeitet hart. Sie achtet darauf, guten Gewinn zu erzielen; ihre Lampe brennt bis tief in die Nacht hinein. Ihre Hände spinnen fleißig Garn, ihre Finger zwirbeln geschickt den Faden.

Sprüche 31,15-19

Diese Frau wird als fleißige Frühaufsteherin beschrieben, die Angestellte gut behandelt und anleitet (V. 15). Sie ist ehrgeizig und arbeitet, damit sie bekommt, was sie möchte (V. 16). Sie ist stark, nicht nur innerlich, sondern auch physisch (V. 17) und das scheint nicht als unweiblich zu gelten. Um erfolgreich zu sein, arbeitet sie bis spät in die Nacht hinein (V. 18) und ist sich nicht zu schade, selbst mit anzupacken (V. 19). Dass so eine emanzipierte biblische Frau für so manchen konservativen Theologen zu viel des Guten ist, dürfte uns nicht überraschen, und tatsächlich beschränkt beispielsweise die katholische Kirche den Text in ihrer Leseordnung auf die Verse 10-13, 19-20 und 30-31 und beraubt ihn so ausgerechnet der Passagen, die die Frau als „ökonomisch selbstständiges Subjekt“58 schildern, wie der katholische Theologe Oliver Achilles kritisiert. Eine Managerin, eine Geschäftsfrau, eine Handeltreibende ist diese Frau in der katholischen Lesung nicht mehr. Aus dem „Lob der tüchtigen Frau“ wird ein „Lob der Hausfrau“ – das hat mit dem ursprünglich Gemeinten und Gesagten nicht mehr viel zu tun.

Die Frauen der Bibel mussten nicht alle Karriere machen. Sie mussten ihre Kinder nicht mit einem Jahr in die Kita schicken, wenn sie es nicht wollten. Sie waren nicht weniger wert, wenn sie sich für ein Leben als Hausfrau und Mutter entschieden oder wenn sie Sozialarbeiterinnen oder Krankenschwestern wurden und weniger verdienten als andere. Sie durften ihre Eltern pflegen und selbst kinderlos entscheiden, ob sie einen Beruf ausüben wollen. Aber keine begabte, begnadete und gebildete Frau musste sich auf Gottes Anweisung hin aufgrund ihres Geschlechts im Beruf klein halten.

Sie ist ehrgeizig und arbeitet, damit sie bekommt, was sie möchte

Und das muss sie auch heute nicht. Wir müssen nicht gegen Männer kämpfen, müssen nicht die Macht an uns reißen und wir müssen uns nicht auf die Karriereleiter prügeln, wenn unser Herz für ganz andere Wirkungsbereiche schlägt. Doch wir sind berufen, das einzusetzen, was Gott uns an Ressourcen, Fähigkeiten und Talenten geschenkt hat. Wir dürfen, ja sollen sogar erfolgreich darin sein und daraus möglichst viel Profit schlagen. Es ist nicht unchristlich, als Frau im Job erfolgreich zu sein, die Frauen der Bibel geben uns das beste Beispiel dafür! Und wieder sehen wir, dass bei Gott viel mehr Vielfalt und Entscheidungsspielraum für Frauen möglich ist, als wir oft für möglich halten.

Im Laufe meiner letzten Jahre haben sich mir dadurch, dass ich meine Talente und Fähigkeiten weiter eingesetzt habe, sie an meine Lebensumstände angepasst habe und darin gewachsen bin, einige Türen geöffnet, die mich beruflich erfolgreich sein lassen. Ob man für die Onlinearbeit und das Marketing auf Instagram ein Theologiestudium braucht? Die meisten vermutlich nicht. Aber mir ist es wichtig so nah wie möglich an Gottes Herzschlag zu leben – und ich brauchte es. Ich brauchte es um klar und frei sehen zu könne, welche Freiheiten und Möglichkeiten Gott bereits in einer Zeit in der Frauen gesellschaftlich total benachteiligt waren bereit gehalten hat. Das schenkt mir die Sehnsucht danach, zu entdecken wie viel mehr Möglichkeiten er heute für uns bereit hält. Ja, ich wollte nie Karriere machen. Dieses kapitalistische Streben nach Höher-Schneller-Weiter und der unstillbare Hunger nach Macht und Einfluss sind mir noch immer unsympathisch. Aber ich habe keine Angst mehr um meine Seele. Denn ich lebe in dem Segen als Frau eine Karriere zu machen, mit der ich komplett im Frieden gehe und wachse – und meine Seele wächst mit.

Anmerkungen:

Vielen Dank fürs Lesen und Teilen meiner Beiträge. Auf Grund der Partnerschaft mit Ringana – und ab und zu anderen Kooperationen – kann ich euch meine Texte kostenlos zur Verfügung stellen und verdiene Geld mit der Werbung für diese Produkte. Wenn du mich unterstützen möchtest, probier sie doch einmal aus. Dann haben wir beide gewonnen. Hier kommst du zu den Proben.

P.s: Ich bekomme immer mal wieder Nachrichten mit Hinweisen zu Rechtschreibkorrekturen. Ich sags euch wie es ist: Wenn ich meine Texte hier mehr als einmal Korrektur lese bevor ich sie veröffentliche, bleiben sie lange liegen und mir vergeht die Freude. Ich weiß darum und ich hab da keine Zeit für 😉 „Better done than perfect“ ist mein Motto dabei und du darfst gern jeden Fehler den du entdeckst als Erinnerung nehmen, dass auch du gut genug bist. :-*

4 Antworten auf „Die Bibel ist voller Karrierefrauen!

  1. Dankeschön liebe Sarah für diesen wertvollen Artikel, insbesondere bezogen auf die von Dir dargestellten Frauen in der Bibel – Du sprichst mir damit gerade sehr aus dem Herzen und es ermutigt mich gerade sehr, auf meinem Weg zu bleiben.

    Alles Liebe und Segen für Dich,

    Manuela

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  2. Hallo Sarah, so schöner Artikel.
    Danke das du dir Zeit nimmst um solche tollen Artikel zu schreiben. Ich habe gerade angefangen nebenbei etwas zu arbeiten. Auch wenn ich noch 2 kleiner Kinder habe fand ich es schwer zu entscheiden, ob es das richtige ist. Mit dem Artikel weis ich um so mehr das ich damit kein Fehler mache.

    Gott Segne dich bei deiner Arbeit.
    Ina

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  3. Hallo Sarah, vielen Dank für den Artikel. Er hat mich sehr zum Nachdenken angeregt und mich darin bestärkt, weiter in der Bibel zu lesen. Leider fällt es mir unendlich schwer einen tieferen Zugang zu den Texten zu finden und den wirklichen Sinn zu verstehen. Bei dir liest es sich so klar.
    Danke für deine Beiträge, liebe Grüße

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  4. Danke für diesen tollen Text, der berührt mich total und setzt einen neuen (nicht ganz neu) Blickwinkel in mir frei. Dieses Thema beschäftigt mich selbst total und spricht mir sehr aus der Seele.
    Danke liebe Sarah.

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