Die Autotür fällt ins Schloss. Einen Einkaufswagen haben wir schon. Beide wollen laufen, ok. Hätte die Kleine sich reingesetzt wäre es schneller gegangen. Mein Hirn schaltet in den „Getting-things-done“- Modus. In diesem Modus bin ich hochkonzentiert darauf möglichst effektiv zu schaffen, was zu tun ist. Ich bin immer schon drei Schritte voraus, damit ich nichts verpasse oder vergesse. Ich verzichte auf gesundes Essen, die Kinder dürfen Ipad gucken und werden möglichst „glücklich gemacht“ damit ich tun kann was ich mir vorgenommen habe. In diesem Modus habe ich Scheuklappen, ich sehe nicht mehr rechts und links und nehme meine und die Bedürfnisse meiner Familie nur noch im Nebel wahr. Und ich schaffe eine Menge, eine ganze Menge. 

Ich sehe die kleine Hand, die nach meiner greift. Noch hat sie diesen kleinen Ring am Handgelenk, der bald auf dem Weg zur Dreijährigen immer undeutlicher wird, bis dieses Merkmal ihrer Kleinkindzeit ganz verschwunden sein wird. Voller Vorfreude hüpft meine große Tochter über den Ikea Parkplatz. Endlich ein Hochbett! Sie hatte sich das so lange gewünscht und immer wieder angemerkt, dass ihr Bett doch viel zu klein sei. Und meine Hand hält ihre und meine Füße berühren den Boden und meine Augen sehen sie – aber ich bin eigentlich gar nicht da. Ich bin in meinem Modus.

Ich atme. Ich sehe uns gespiegelt in den großen Scheiben am Eingang. Wir drei, sie an meiner Hand. Heute ist der Tag an dem die beiden Schwestern zusammen ziehen und ein Hochbett mit Mama kaufen werden. Ich sehe schon das fertige Zimmer, freue mich darauf, wie schön es werden wird und, dass wir das jetzt endlich mal machen. Ich sehe schon das fertige Zimmer, sehe die Kinder dort spielen. Sehe ihre strahlenden Augen, wenn sie das erste Mal in ihr frisch bezogenes Bett klettern.Ich sehe das Ergebnis und bis dahin ist „Modus“ angesagt, um dorthin zu kommen. Ich atme noch einmal. Schließe kurz die Augen. Und denke plötzlich: „Heute nicht!“ Heute werde ich hier sein. Mein Leben passiert jetzt gerade. Jetzt gerade hier mit ihr an meiner Hand. Mein Leben ist nicht erst lebenswert und genießenswert, wenn es fertig ist. Mein Leben ist jetzt. 

Ich liebe diese Erzählung von einem Zen-Meister den seine Schüler fragten, warum er so zufrieden und glücklich sei. Der Zen-Meister antwortet: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …” “Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst Du darüber hinaus?” fragten Sie erneut. Der Meister erwiderte: “Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich … ” Wieder sagten seine Schüler: “Aber das tun wir doch auch Meister!”Er aber sagte zu seinen Schülern: “Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.”

Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich…

Was wenn ich bei Ikea wäre, solange ich bei Ikea bin. Wenn ich Auto fahre, während ich Auto fahre. Wenn ich auslade, während ich auslade. Wenn ich Pakete öffne, wenn ich Pakete öffne. Wenn ich Werkzeug suche, während ich Werkzeug suche. Und was, wenn ich dabei von den wundervollsten Menschen in meinem Leben begleitet, beobachtet und unterstützt werden würde. Was wenn das hier unsere Zeit ist – eine Zeit, die nie wieder kommt, wenn sie jetzt verstreicht. Ich entscheide mich, meine Pläne loszulassen. Wir machen das heute gemeinsam. Wir werden nicht nur ein Bett bauen, wir werden Beziehungen bauen. Vertrauen und Wertschätzung, Ermutigung und Erfolge erleben. Und ich will heute lieber den Preis bezahlen, nicht fertig zu werden.

Und wann ist man eigentlich fertig? Ich stelle mir ein endgültiges Ergebnis vor, ein „endlich ankommen“. Doch, wenn ich ehrlich bin, ist das Ende diesen Projektes ist doch nur der Beginn des nächsten. Und sobald mein Modus beendet ist und die Scheuklappen wieder weg sind, sehe ich auch wieder all die anderen Dinge, die getan werden müssen. Und nachdem ich alles erledigt hätte, das getan werden muss, würde ich denken: „Jetzt habe ich endlich Zeit für alles, was ich schon längst mal machen wollte!“. Und das geht nicht nur eine Weile so – das geht mein ganzes Leben so. Während ich so dahin haste, verschwinden die Ringe am Handgelenk, und die Milchzähne und die Windeln und die vielen Fragen und die schlaflosen Nächte … und dann, dann sind sie endlich groß! Groß genug, dass ich daran zurück denken kann, wie flüchtig das Leben mit kleinen Kindern war. Und wie mir bewusst wird, dass es noch so viel mehr zu genießen geben hätte. Und, dass es eigentlich heute ganz egal ist, ob ich ein Projekt mehr oder weniger geschafft habe.

Fertig ist hier nichts. Nicht in dieser Welt. Die Wohnung ist nicht fertig, die Karriere ist nicht fertig, die Beziehungen sind nicht fertig. Ich bin nicht fertig. Nichts was ich hier sehe und berühre ist endgültig so wie es bleiben soll. Alles ist im Flow und alles verändert sich – und alles hier ist endlich. Und ich bin mitten drin. Hier jetzt. Leben ist, was passiert während ich Projekte plane und erledige. Es passiert nicht erst in dem einen schönen Moment in dem das Kinderzimmer fertig ist. Die Sehnsucht anzukommen, will eigentlich nicht durch beendete Projekte gestillt werden. Ihr wird viel, viel tiefer unten in meiner Seele begegnet. Dort, wo ich sein kann ohne zu leisten. Wo ich Frieden finde in der Wahrheit, dass ich hier eines Tages fertig sein werde und, dass Vollkommenheit erst danach auf mich wartet. Dann wird es perfekt sein. Ewig und vollkommen. Und wenn diese Hoffnung heute in meiner Seele einzieht, wird alles Unfertige zu meinem Leben. Dann renne ich nicht mehr, dann ruhe ich. Auch wenn ich noch nicht fertig bin, lässt diese innere Ruhe mich meinen Modus verlassen. Ob ich jemals fertig sein werde, das zu lernen? Ich weiss es nicht. Aber ich greife ihre kleine vertrauensvolle Hand etwas fester. Rolle die Schultern noch einmal nach hinten. Ich schließe die Augen und merke wie meine Augen feucht werden. Was für ein schöner Ort die Gegenwart doch ist. Wir jetzt hier. Das ist so wunderschön! „Kommt, wir gehen euer Bett kaufen!“, sage ich und mein Blick trifft ihre funkelnden Augen. Wann habe ich die eigentlich das letzte Mal so bewundert? Eine Stunde später schiebe ich einen großen Wagen Bretter und Matratzen aus dem Laden. Oben drauf sitzen zwei glückliche Mädchen und eine zufriedene Mama schiebt sie Richtung Parkplatz. Wir hatten eine schöne Zeit. Und am Ende des Tages war das Bett mit drei Kindern um mich herum innerhalb von drei Stunden aufgebaut. Es ging viel schneller und besser als gedacht und wir haben es gemeinsam gemacht. Vielleicht kostet das Leben in der Gegenwart gar keinen Preis? Vielleicht gibt es dieses Glück ganz umsonst?

Anmerkungen:

Vielen Dank fürs Lesen und Teilen meiner Beiträge. Auf Grund der Partnerschaft mit Ringana – und ab und zu anderen Kooperationen – kann ich euch meine Texte kostenlos zur Verfügung stellen und verdiene Geld mit der Werbung für diese Produkte. Wenn du mich unterstützen möchtest, probier sie doch einmal aus. Dann haben wir beide gewonnen. Hier kommst du zu den Proben.

P.s: Ich bekomme immer mal wieder Nachrichten mit Hinweisen zu Rechtschreibkorrekturen. Ich sags euch wie es ist: Wenn ich meine Texte hier mehr als einmal Korrektur lese bevor ich sie veröffentliche, bleiben sie lange liegen und mir vergeht die Freude. Ich weiß darum und ich hab da keine Zeit für 😉 „Better done than perfect“ ist mein Motto dabei und du darfst gern jeden Fehler den du entdeckst als Erinnerung nehmen, dass auch du gut genug bist. :-*

9 Antworten auf „Raus aus dem „Getting-things-done“- Modus

  1. 😭 so schön geschrieben, danke❤ ich merke, wo ich das lese, wie oft meine Gedanken in der Zukunft hängen und ich den Moment einfach verpasse😔 danke das du diese Worte gefunden hast❤

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  2. Oh Sarah – das trifft mich mitten ins Herz. Ins Leben. In meiner Gegenwart. Spricht mir so sehr aus der Seele.So oft habe ich schon den Ansatz diesen Gedankens gehabt – aber vergesse es immer mal wieder. Danke für diese wundervolle Erinnerung. In wundervollen Worten. Viel Freude noch in der Gegenwart! Vielleicht meinte Jesus genau das damit, als er sagt, man solle sich nicht um den nächsten Tag sorgen.

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  3. Ich liebe es!!! Genau so ist es – ich bin auch immer so sehr im MODUS. Eigentlich echt traurig! Immer ein schlechtes Gewissen, bei egal was ich mache, wegen genau dem, was ich gerade nicht mache (Klassiker: wenn ich am Computer oder im Haushalt arbeite und nicht bei den Kids bin – oder mit den Kids spiele aber mit schlechtem Gewissen wegen nicht-getaner Arbeit).

    Dein schöner, berührender Bericht über diesen Modus-Blick und den HIER&JETZT-Blick inspiriert, motiviert und ermutigt mich sehr. Und macht mich emotional.

    Alles Liebe und viel Segen weiterhin,
    Damaris – Mama von 2, *bald 3 kleinen Kindern

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  4. Das SEIN im Hier und Jetzt ist so wichtig und wertvoll, das macht das Wissen um die Gegenwart
    Gottes aus und verbreitet FRIEDEN!
    Sei herzlich gegrüßt von Wilfriede

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  5. Vielen Dank für diesen Post. Gott hat einfach darin zu gesprochen! Es hat mich sehr angesprochen.

    Manchmal geht „glücklich sein“ doch ganz einfach….

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