Ich gehe seit einigen Monaten wieder in die Kirche. Das ich das einmal sagen würde, hätte ich mir vor zehn Jahren nicht träumen lassen. Denn da war es mein Traum und mein Leben, mir meinen Glauben zum Beruf zu machen. Ich studierte Theologie. Ich war nicht nur Teil der Kirche, ich wollte in ihr leben, sie prägen … niemals hätte ich gedacht, dass sich das einmal ändern würde.

Als wir nach Äthiopien gingen, ließen wir eine Kirche, die kurz danach auseinander brechen sollte, und mit ihr unsere gewohnten Positionen, unserem Ansehen, einer Menge Bewunderung, aber auch jeder Menge Erwartungen hinter uns. Dort im Ausland, erlebten wir viele unterschiedliche Kirchen und Kirchenkulturen. Wir trafen Christen aus aller Welt und begriffen auch, wie eng unser Bild von Kirche über die Jahren geworden war. In Äthiopien in den lebendigen Dorfgemeinden wusste niemand wer oder was „Hillsong“ oder „Bethel“ sein soll. Was wir hier kopieren und woran wir uns als Freikirchen orientieren ist dort gar nicht existent. Und die Idee hat mir gefallen. Dort wächst eine Kirche, auf dem gleichen Fundament wie unsere, doch irgendwie organischer. Auch wenn ich nicht der Illusion verfalle, dass dort alles besser ist. Aber eben anders und ich konnte mein Bild von Kirche von vielen Erwartungen und als gegeben gedachten Facetten befreien. 

Und als ich hinter all diese Facetten sah, entdeckte ich auch jede Menge Schmerz. Über meinen eigenen Fehler und über die, die andere an mir begangen haben. Ich entdeckte Manipulation, Angst und Enge. Stolz, Narzismus und Eitelkeiten. Und weil ich durch Corona noch viel länger als erwartet aus der Kirche „herausgenommen“ war, hatte ich genug Zeit mir das Bild, das sich mir nun zeigte anzusehen. Ich mochte es nicht, aber ich war auch nicht gewillt, mich von ihm abschrecken zu lassen. Ich war zu sehr überzeugt von der verändernden Kraft einer Kirche, die Jesus liebt. Ich glaubte immer noch, dass Kirche nicht falsch ist, weil Menschen Fehler machen.

„Es gibt Millionen Gründe nicht zu bleiben. Ich könnte wenigstens tausende aufzählen. Viele unserer Kirchen sind krank, infiziert von Rassismus und dem Patriachat. Viele nutzen Scham und Angst um zu kontrollieren. Viele manipulieren. Es gibt so viele Gründe, wegzulaufen. Aber nichts wird geheilt, erneuert oder wiederhergestellt, wenn nicht diejenigen von uns, die immer noch an Hoffnung, Ehrlichkeit, Buße, Gebet und die heilige Realität, einer versammelten Kirche glauben, sich weiterhin versammeln. Weiterhin arbeiten, beten und Veränderungen bringen. Und deshalb bleibe ich.“ 

(übersetzt aus „I guess I haven’t learned that yet“, Shauna Niequist)

Ich hatte keine lokale Kirche bei der ich „bleiben“ konnte. Aber ich blieb innerlich. Ich blieb dran. Ich hielt fest und ich ließ los. Ich verabschiedete mich davon eine Kirche an ihren Programmen, Angeboten, Websiten, Instagramauftritten und Messbarkeiten jeglicher Form zu beurteilen. Ich war auf der Suche nach Beziehungen und starken Werten. Authentisch gelebtem Glauben und verletzlicher Gemeinschaft. Ich war auf der Suche nach Gemeindeleitern, die mir sagen konnten was ihnen schmerzt, woran ihre Kirche leidet und was sie herausfordert. Nicht denjenigen, die mir die effizientesten Methoden für kontinuierliches Wachstum nennen konnten und wie sie sich die Krise zur Tugend machten. Ich fand sie. Und gemeinsam mit meinem Mann entschieden wir uns wieder für die Kirche. Nicht nur für die generelle, globale, digitale. Nein, für eine lokale, greifbare, unperfekte – ein Ort an dem auch wir dies sein können.

Mein Abschied von meinem Gemeindebild, ließ Raum für ein neues Bild. Ich habe nicht nur losgelassen, ich halte auch fest. Halte fest daran, dass wir uns um Jesus herum versammeln. Halte fest, das keine Organisation dieser Welt schaffen kann, was eine Gemeinschaft von Jesusanhängern verbindet. Ich halte, fest, dass ich mich in dieser Gemeinschaft verwurzeln will. Nicht muss. Will.

Dazu braucht es keinen unterschriebenen Mitgliedsvertrag. Es braucht eine innere Haltung. Die nicht nur anwesend ist, sondern offen. Ich entscheide mich, offen zu sein, nicht zu spielen, keine Fassade zu errichten. Ich entscheide mich zu sein, mit meinen Fehlern – und davon gibt es jede Menge – mit meinen Zweifeln und mit meinen Gaben. Ich entscheide mich nicht wer ich bin hinter, der die ich gern wäre zu verstecken. Nicht in dieser Gemeinschaft. Und ich traue mich Beziehungen zu bauen. Verbundenheit und Verständnis zu schenken und zu empfangen. Ich entscheide mich nicht stark sein zu müssen. 

Und in dieser Verletzlichkeit, entscheide ich mich auch wieder meine Fähigkeiten und Gaben einzusetzten. Ideen zu teilen und zu geben, was ich bekommen habe. Eine solche Entscheidung war ein Wochenende für Familien auf dem Bauernhof zu organisieren. Mit Menschen zusammen zu wohnen, die ich bisher nur aus der Ferne kannte. Menschen, zu denen ich mich irgendwie committet hatte ohne zu wissen auf wen ich mich da einlasse. Das war unbekannt und es hat Mut gekostet. Ich denke nicht nur mich, uns alle irgendwie. Denn ich spürte – und deshalb schreibe ich auch diesen Artikel – dass viele von uns Kirche in Frage gestellt haben oder den Kontakt verloren haben in den letzten Jahren. All der Abstand hat uns Abstand nehmen lassen. Teilweise heilsamen, teilweise isolierenden. Und ich denke es ist Zeit. Zeit für die Kirche zusammen zu rücken. Vielleicht fahren wir nicht gleich alle Programme wieder hoch. Aber lasst uns die Mauern wieder runter fahren. Lasst uns einander nah sein, einander spüren und gespürt werden. Wie wird sind, nicht wie wir sein wollen. Dann wünschen wir uns nicht nur Kirche, dann wird Kirche, wie wir sie wirklich wollen. Und ich finde „die Kirche“ indem ich beginne sie so zu leben, wie ich sie mir ersehne.

7 Antworten auf „Wie ich die Kirche finde, die ich brauche

  1. Liebe Sarah, tatsächlich liest man Deine. Blog viel aufmerksamer und das tut gut. Bei Instagram überfliegt man vieles, weil alles viel zu viel ist.

    Deine Text enthält soviel wahres und es ist wirklich an der Zeit umzudenken.

    Danke Dir 😊

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  2. Liebe Sarah,
    Danke, dass Du dieses wichtige Thema ansprichst! Es kann einen wirklich am Glauben zweifeln lassen, wenn man mitbekommt, was in Gemeinden alles schief läuft, die doch Gottes Liebe wiederspiegeln sollte. Jesus sagt ja schon in der Bibel “ Was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut“, als ihn jemand mit „Guter Lehrer“ ansprach.( Matthäus 10,18) und es stimmt.
    Es macht keinen Spass, demütig zu werden und die eigenen Fehler anzusehen. Es tut weh, zu erkennen, dass auch Gemeinde uns nicht die heile Welt bieten kann, die wir uns, glaube ich,alle wünschen. Aber das als Fakt anzuerkennen ist, denke ich, sehr heilsam.
    Und was soll aus der Kirche werden, wenn wir aufhören, uns zu engagieren und zu versuchen, sie gut und gewissenhaft zu gestalten? Oder sie im schlimmsten Fall denen überlassen, die es schlecht machen?
    Wer soll der Ansprechpartner sein für Menschen, die Jesus gerade erst kennengelernt haben oder die in einer Krise sind und dringend reife Christen an ihrer Seite brauchen?
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie reichlich Segen für die Dinge, die Ihr gerade anpackt und durchdenkt!
    Alles Liebe, Elske

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  3. So schön geschrieben, ich hätte es nicht besser in Worte fassen können!
    So ein wichtiges Thema – du sprichst mir aus der Seele!

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  4. So so tief und wahr! Ich bewege diese Fragen seit Monaten stark in meinem Herzen. Und dabei spüre ich, dass ich oft noch nicht sprachfähig genug bin um auszudrücken, was ich im Sinn habe. Und wenn ich dann aber zarte erste Aussagen mache, stößt das oft auf tiefe Resonanz bei meinem Gegenüber. Und Menschen wie du helfen uns allen kollektiv, solche erste zarte Gedanken mehr greifen und fassen zu können. Danke dir für deine Worte hier! Auf Instagram! In deinen Büchern!

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