Wir alle haben schon auf Social Media geschimpft, haben und beeinflussen lassen, haben uns verglichen, haben Apps gelöscht und wieder neu installiert, haben uns Timer gesetzt und überschritten. Haben uns im Scrollen verloren, haben andere verurteilt, haben falsche Schlüssen gezogen, haben uns gefragt, was diese und jene Filter mit unseren Kindern machen werden. Social Media, und ich schreibe vor allem über Instagram, weil das mein Medium ist, ist tricky. Es ist nicht einfach damit umzugehen. Es braucht einen wachen Geist, einen klugen Kopf und ein ruhiges Herz. Wie so vieles im Leben. 

Ich habe am Wochenende eine Szene von einem Familienausflug gezeigt, wo meine Tochter glücklich klatschend auf meinen Schoß saß. Und ich habe dazu ein paar Sätze über die anstrengende Nacht davor geschrieben und, dass das hier „echt ist, aber nicht alles ist.“ Dieser Satz ist mir wichtig, wenn es um Social Media geht. Er ist ein Leitsatz für mich, die ich Content erstelle und teile.

Ich teile Familienalltag. Und alles was ich teile ist aktuell und echt, aber ich will auch nicht vergessen, nicht alles zu teilen.

Denn manches ist privat, unpassend und aus den falschen Motiven geteilt. Ich habe letztens den Begriff „Sharenting“ gehört. Er beschreibt den Wunsch von (jungen) Eltern, die Schönheit, Erfolge und Niedlichkeit ihrer Kinder mit anderen zu teilen. Das eigene Glück und der Stolz ist einfach zu groß, um ihn für sich zu behalten. Und ich kenne das. Aber in diesen Momente schicke ich meinen Mann oder den Oma und Opa ein Bild oder lerne inne zu halten und mich zu feiern für all die Bilder die ich nicht gemacht habe, weil ich ganz da war. Ganz anwesend und ganz unabgelenkt. Und zwischen mir uns meinem Kind war in diesem Moment kein Bildschirm. Aus diesem Grund teile ich auch keine Treffen mit Freund:innen. In diesen heiligen Momenten gibt es nur mich und die Person, die mir wichtig ist. Da bleibt das Handy in der Tasche.

Wir alle haben sicher diese Do’s und Dont’s mit Social Media und ich bin mir bewusst darüber, dass es Menschen gibt die meinen ich teile zu viel oder zu wenig oder zu viel von dem einen und zu wenig von dem anderen. Aber darum geht es hier nicht.

Es geht darum, dass es in der Natur von Social Media liegt, dass man Ausschnitte teilt und sieht. Und es geht darum, dass das genau richtig so ist. Mir persönlich ist wichtig, dass es echt ist. So authentisch wie eben bewusst gewählte Ausschnitte sein können. Es ist echt, aber nicht alles.

Und so ist es doch auch im offline Leben fiel mir auf, als ich weiter über diesen Satz nachdachte. Selbst meine engsten Freundinnen erzählen mir nicht immer alles. Und auch ich ihnen nicht. Für manches ist keine Zeit, anderes ist peinlich und wieder anderes einfach indiskret weil es das Kind, den Partner oder die Kollegin betrifft. Wir behalten bewusst Dinge für uns und das ist nicht unauthentisch, das nennt man Reife. Als mein Sohn gerade den körperlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen gelernt hatte, hatte er an einem Weihnachtsfeiertag plötzlich am Esstisch meiner Schwiegereltern das Bedürfnis einmal reihum zu fragen, welches Genital sich denn bei den jeweiligen Verwandten unter der Unterhose verbirgt. Das war zu hundert Prozent authentisch, es war ehrlich, hatte keine bösen Motive und war dennoch komplett unangemessen. Zumindest wenn er es mit 30 immer noch so handhaben würde. Einen Sinn für angemessene und unangemessene Ehrlichkeit zu entwickeln gehört zum erwachsen werden dazu und ist eine wichtige Kompetenz auf Familienfeiern, in sensiblen Momenten und auch aber nicht nur im öffentlichen Leben.

Und genauso lasse ich mich nicht nur online beeinflussen. Ich sehe eine Familie mit zwei Kinder, die ein größeres Auto haben als wir und denke: „Wir brauchen ein größeres Auto.“ Ich sehe ein Mädchen mit hübschen Sandalen und denke: „Meine Kinder haben immer noch keine Sommerschuhe.“ Die Single-Frau sieht das glückliche Pärchen, die Frau mit Kinderwunsch die runden Bäuche, der Arbeitslose die Dienstwagen der anderen …

Das Problem mit dem Vergleichen gibt es nämlich nicht erst seit Social Media.

Es ist nur viel mehr an die Oberfläche getreten. Und was an der Oberfläche sichtbar wird, kann heil werden. Die Frage ist, mit welchem Auge nehmen wir das wahr was wir auf Social Media sehen. 

Im Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun gibt es bei jeder Aussage eine Sachebene, die Selbstkundgabe, den Beziehungshinweis und den Appell. Nun nehmen wir mal an, ich sehe eine Story von einer schlanken Mama im Thailandurlaub. Und ich glaube, das Problem liegt nicht an der Frau im Thailandurlaub – das wissen wir ja sowieso. Aber wir denken, es gibt ein Problem damit, dass sie es zeigt oder ich es mir ansehe. Auch das ist meiner Meinung nach kein Problem ansich. Das Problem entsteht in meinen Gedanken. Dann, wenn ich sofort den Appell sehe. Wenn ich das was sie tut, wer sie ist, wie sie sich kleidet und zeigt, direkt auf mich beziehe. Ich ziehe einen Vergleich. Ich vergleiche einen Ausschnitt mit meiner ganzen Realität – und ich schneide dabei meistens schlechter ab. Es sei denn ich bin Narzistin, dann habe ich ein anderes Problem. Und dann höre ich all die Appelle: „Verdien mehr Geld.“, „Nimm dir mehr Zeit.“ und „Buch einen Urlaub“ und „Verlier vorher Gewicht.“. Und dieses Problem gibt es nicht nur bei Social Media, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Das gibt es an der Supermarktkasse, auf Hochzeiten und Parties, in Gottesdiensten, an der Ampel, in Büchern, Filmen und überall wo Menschen auf Menschen treffen und einzelne Situationen wahrnehmen und bewerten.

Ist Social Media schlecht? Nein. Es ist so neutral wie die meistens Dinge. Wie ein Messer. Du kannst damit jemanden verletzten oder ein köstliches Essen zubereiten. Es ist darüber hinaus, meine ich, wie eine Lupe. Wir sehen hier deutlicher und plakativer, wonach Menschen sich sehnen und was sie beschäftigt. Und irgendwie denke ich auch es ist wie Licht. Licht kann blenden und Licht kann Dunkelheit verbannen. Und Licht kann sichtbar machen, was verborgen war. Es bringt die Wahrheit ans Licht. Und dort im Licht kann Heilung stattfinden. Und die wünsche ich mir und dir. Ein Auge, dass liebevoll andere sehen und gönnen kann ohne sich unzufrieden gegen sich selbst zu richten. Ein heiles Herz, ein ganzes Herz. Ein Herz, das andere sehen kann ohne sich selbst verändern zu müssen.

Wir alle haben schon auf Social Media geschimpft, haben und beeinflussen lassen, haben uns verglichen, haben Apps gelöscht und wieder neu installiert, haben uns Timer gesetzt und überschritten. Haben uns im Scrollen verloren, haben andere verurteilt, haben falsche Schlüssen gezogen, haben uns gefragt, was diese und jene Filter mit unseren Kindern machen werden. Und vielleicht haben wir dabei versucht Symptome zu lindern anstatt nach dem Problem zu suchen. Ich glaube nicht, das das Problem der Bildschirm in unseren Händen ist. Ich glaube das Problem – und damit auch die Lösung – liegt in unseren Herzen und Gedanken. 

Was denkst du?

3 Antworten auf „Warum Social Media kein Problem ist – und wo wir die Lösung für einen guten Umgang damit finden.

  1. Ich hab immer latent die Angst, dass alles was heutzutage passiert unweigerlich zum ende der Menschheit führt (weltuntergang, jüngste gericht,etc.) auch social media weil sie teils soviel böses hervorruft, aber dieser satz von dir: „was an die Oberfläche kommt kann heil werden“, verändert diese perspektive auf social media einfach komplett, danke dafür 🥰

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  2. Viele Dank für deine Worte. Ich musst beim lesen denken, Social Media ist wie Kinder, sie bringen deine bessten und deine schlechtesten Seiten zum Vorschein. Und obwohl ich dir aus vollem Herzen zustimmen kann, bleibt bei mir doch die Frage, ab wann kann, darf, sollte mein Kind damit Umgang haben? Wenn ich höre das in Schulen mit Tablets gelernt wird, schüttel ich den Kopf und denke „wie unnötig, es gibt wichtiger Reformen in der Schule“, aber dann frage ich mich ist es nicht gut, wenn Kinder früh den Umgang lernen und ihn vielleicht auch besser lernen als ich es getan habe, weil meine Eltern keine Ahnung davon hatten und wir sie austricksen konnten und für uns alle neu war und wir es uns selbst beigebracht haben?

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  3. wow! Du hast es sowas von auf den Punkt gebracht. So ähnlich spukt es schon länger in meinem Kopf und jetzt ist es nochmal in eine richtige Ordnung gekommen. Danke dafür !!
    Ich werde mir nochmal zu Herzen nehmen, hinzuschauen, warum mich etwas triggert und an mir zu arbeiten. Ich denke trotzdem, dass dazu auch gehören darf Grenzen zu ziehen und sich zu schützen. Ich bin gerade jmd. entflogt, die so so liebevollen und teils wertvollen Inhalt bringt – aber eine Dauerwerdeschleife für Shops durchzieht, die ich mir nicht leisten kann. Natürlich ist das mein Problem und nicht ihrs – aber ich muss es mir ja nicht schwerer machen, als es ist….

    Also danke für den tollen Text !!

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