Mein Sohn kuschelt sich niedlich an mich. Davor hat er mich brutal geweckt, indem er zuerst unaufhörlich nach mir gerufen hat, und dann, nachdem ich ihn schlaftrunken in mein Bett getragen habe, ganz selbstverständlich seine kalten Füße zwischen meine wärmenden Oberschenkel gesteckt hat. Nenne es wie du willst, niedlich oder brutal – im Endeffekt bin ich wach. Ich liege noch eine Weile im Bett, als ich die Vögel vor meinem Fenster singen höre und spüre, wie die Sonne sich langsam Bahn bricht.

Ich stehe also auf, noch unsicher, ob das eine gute Idee ist, freue mich, als ich sehe, dass wir Strom haben – bitte entschuldige, falls ich diese Kleinigkeit immer wieder erwähne –, und schmeiße die Mühle für den Kaffee an.

Wie alles dauert auch die Kaffeezubereitung hier länger als in Deutschland: Erst mal die Gasleitung anstellen, den Kaffee mahlen, Wasser auf dem Herd aufkochen …

Ich habe also Zeit, aus dem Fenster zu sehen. Der Regen der letzten Wochen hat unseren Garten zu einer Oase im Dschungel gemacht und es hängt noch Nebel in der Luft, über dem Rasen und zwischen den Bäumen dahinter. Dort geht die Sonne langsam auf und eine kleine Gruppe Ibisse zieht ihre ersten Runden vor dem Morgenhimmel. Und ich bin voller Wunder. Stehe wie angewurzelt da beim Anblick dieser Vögel, die mittlerweile zu meinem Alltag gehören, wie in Hamburg die Möwen. Sie sind mir so be- kannt, genau wie die Bäume und der Garten und das Warten auf den Kaffee. Und sie sind wunderschön.

Lange Zeit habe ich in Äthiopien nichts wunderschön gefunden. Weder die Ibisse noch die Bäume noch das Essen. Ich habe gewusst, dass man das alles schön finden könnte. Dass es rein theoretisch für viele Menschen ein Grund gewesen wäre, jeden Morgen vor Bewunderung am Fenster zu stehen. Doch nicht für mich. Denn ich habe getrauert. Ich habe um meine Freunde, meine Familie und meine Heimat geweint. Ich habe mein „Normal“ vermisst.

Aber in dem Moment, als ich den Ibissen zuschaue, wie sie sich in die Lüfte erheben, ist es plötzlich da: mein Normal. Ich stehe am Fenster, mit dem Geruch von frisch gemahlenem, äthiopischem Kaffee in der Nase, und bin voller Frieden und Dankbarkeit. Und zum allerersten Mal denke ich den folgenden Satz: „Ist das schön. Ich bin so viel lieber hier als in Hamburg.“

Plötzlich bin ich angekommen.

Es ist mir bewusst gewesen, dass nach der „Abenteuerphase“ am An- fang unseres Weges ein Tief kommen würde, das man Kulturschock nennt. Und dass es danach wieder bergauf gehen würde. Nach dem Kulturschock bin ich langsam etwas optimistischer geworden. Doch beim Blick auf die „Kulturschock-Kurve“ in meinen schlauen Büchern ist mir aufgefallen, dass die Aufwärtsbewegung nie wieder den hohen Punkt erreichen würde, wie ich ihn in der Abenteurerphase erlebt habe. Also bin ich der Überzeugung gewesen, dass ich mich hier nie wirklich wohlfühlen würde. „Es wird immer schlechter sein als am Anfang“, habe ich, verschleiert durch meine Trauer, gedacht.

Doch das Gefühl, das sich in diesem Moment am Fenster einstellt, ist besser. Besser als Abenteuer und besser als Adrenalin. Mittlerweile kenne ich die Realität hier, kenne all die Dinge, die ich vermisse, kenne die Armut und die Probleme. Ich kenne das Gefühl fremd zu sein und es täglich zu spüren. Und dennoch bin ich glücklich. Denn das hier ist echt, geerdet und so langsam gewachsen, dass es auch Bestand haben kann.

Ich bin zuhause.

Im ersten Jahr in Äthiopien reift in mir eine neue Definition von Heimat. Ich lerne, Heimat von zuhause zu unterscheiden. Und ich entdecke unter der Sehnsucht nach meinem zuhause, wo ich aufgewachsen bin, eine Sehn- sucht nach einer Heimat, die kein äußerer Ort auf dieser Welt jemals stillen kann. Denn hier bin ich nicht daheim. Wir alle sind nur auf der Durchreise.

„Ja, solange wir noch in unserem irdischen Zelt wohnen, wo so vieles uns bedrückt, seufzen wir voll Sehnsucht“1, lese ich in der Bibel und dieser Vers trifft genau den Nerv meiner Gefühle. Ich seufze und sehne mich, doch ich weiß auch – wenn ich ganz ehrlich zu mir bin –, dass dieses Seufzen auch in Hamburg, wo ich groß geworden bin, weitergehen würde.

Aus der Ferne denken wir manchmal, ein anderer Ort könnte uns glück- lich machen. Der ferne Ort kommt uns wie eine Fata Morgana in der Wüste vor. Doch wenn wir dort ankommen, ist die Sehnsucht immer noch da und das vermutete Gefühl des Glücks oder Angekommen-Seins will sich einfach nicht einstellen. Denn da lockt schon wieder ein neuer Ort, zu dem es uns zieht. Und auch dorthin nehmen wir uns immer selbst mit, sodass wir gleich wieder weiterziehen wollen.

Sind wir vielleicht gar nicht auf der Suche nach einem Ort, sondern viel- mehr auf der Flucht vor uns selbst?

„Und doch sind wir voller Zuversicht und unser größter Wunsch ist, das zuhause unseres irdischen Körpers verlassen zu dürfen und für immer daheim … zu sein“, lese ich weiter und erkenne plötzlich: Ich bin am Ort der sich auflösenden Fata Morgana stehen geblieben. Und all die Enttäuschung, die Trauer und Aussichtslosigkeit sind über mich hereingebrochen. Dort habe ich in der Wüste gesessen und mit dem Fuß aufgestampft, innerlich getobt und hoffnungslos geweint. Aber ich bin nicht weitergegangen. Bin nicht los- gezogen, um meine Sehnsucht und mein Bedürfnis nach Trost an einem anderen Ort zu stillen.

In diesem Moment, als ich den Bibelvers lese, wandert mein Blick endlich nach oben. Nachdem ich mich so lange umgeschaut und nach Antworten gesucht habe, die ich nirgends gefunden habe. Und dort oben entdecke ich meine Heimat. Einen ewigen Ort, nach dem ich mich tief in mir sehne. Den Ort, von dem ich komme und wo ich hingehöre – zu mir zurück. Einen Ort frei von Enttäuschungen und voll von Liebe. Und die sengende Hitze der Wüste wird auf einmal zu einer wohligen Wärme.

Dieser Ort, so entfernt und himmlisch verborgen er auch ist, lebt gleichzeitig in mir.

Den Frieden, die Hoffnung und das Glück dieses Ortes, kann ich überall mit hinnehmen. Ja, ich bin noch nicht dort. Ich habe hier noch Zeit, habe Sehnsucht und seufze hin und wieder. Aber ich weiß jetzt, wo er ist. Er ist nicht hier und auch nicht dort drüben. Der Ort, nach dem sich alles in mir sehnt, existiert. Ich habe ihn gefunden, auch wenn ich noch nicht da bin. Er ist wunderschön. Und er ist meine wahre Heimat: der Himmel.

Und doch kann ich gleichzeitig im Sonnenaufgang die Ibisse fliegen sehen und erst einmal zuhause sein.

Dies war ein Auszug aus dem Prolog meines Buches „Weit weg, zu mir zurück“. Hier oder überall wo es Bücher gibt kannst du es bestellen und direkt weiterlesen.

Eine Antwort auf „Wo ist zu Hause? // Weit weg zu mir zurück

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