Ich kenne viele Mütter, die Krippen verurteilen. Die Kinder seien viel zu klein, können noch gar nicht miteinander spielen und werden in großen Gruppen nicht altersgerecht betreut. Außerdem werde die Bindung zu den eigenen Eltern gestört. Dies sind nur einige der Argumente. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich kenne auch Mütter, die so Pro-Krippe sind, dass ich mir auch nicht sicher bin ob das der einzige Weg ist. Wenn man über 18 Monate alte Kinder sagt: „Die sollten jetzt endlich mal in den Kindergarten, sonst hängen die ja nur an Mamas Rockzipfel“ oder der Meinung ist, dass eine Woche in der man 24/7 ein (oder sogar zwei!) Kleinkinder um sich herum hat, für einen gesunden, jungen Menschen nicht tragbar sei, dann kann ich da auch nicht ganz zustimmen. Und ob man tatsächlich nach einem Jahr Elternzeit wieder Vollzeit arbeiten muss? Einige von uns leider ja, andere denken vielleicht nur sie müssten. Es gibt ja Bücher über alles, und ich hätte es mir meine Meinung zu diesem Thema bestimmt auch ganz professionell anlesen können, aber ich wollte es ausprobieren. Ich wollte selber mal gucken, wie das so ist in einer Krippe. Und ich glaube es gibt da auch kein allgemeines Richtig oder Falsch, eher Tendenzen. Wir haben uns auf jeden Fall zunächst einen Tagesmutterzusammenschluss ausgewählt und alles lief eigentlich ganz prima.

Außer das Weinen beim Abgeben.

Und außer den Stress am Morgen um pünktlich vor dem Frühstück dort anzukommen.

Und außer das oft unausgeschlafene und überreizte Kind beim Abholen.

Und abgesehen von der ständigen Schnupfnase.

Aber es war auch schön. Ich konnte mich auf die Kinderbetreuung verlassen, konnte in Ruhe arbeiten gehen und hatte im Mutterschutz mit dem zweiten Baby auch mal Zeit für mich allein. Ich konnte in Ruhe Putzen und Lesen und Arbeiten und zum Sport gehen. Und ich konnte mein neugeborenes Baby ein paar Vormittage die Woche alleine kuscheln. Ich habe das auch genossen.

Als dann aber die Schnupfnase vom Großen auf das ,ini-kleine Baby übersprang und zu chrnoscher Bronchitis führte, überwogen für uns die Nachteile und wir meldeten ihn ab. Und ich fühle mich seitdem so wohl mit dieser Entscheidung und habe echt viel gelernt in dieser Zeit.

 

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Hilfe annehmen

Ich bin in der glücklichen Situation, dass mir regelmäßig Hilfe angeboten wird. Und ich bin in der unglücklichen Situation, dass ich von Natur aus zu stolz bin sie anzunehmen. „Ich schaff das schon, ich schaff das schon, ich schaff das ganz alleine!“ soll ich schon als Kind immer mit Rolf Zuckowski mitgeträllert haben. Aber es musste sein. Zwei Kinder unter zwei Jahren, ein Mann der viel arbeitet und ein Körper der von 24-Monatigem Schwangerschafts- und Stillmodus gezeichnet war, schrieen nach Hilfe. Und ich habe mich „einfach“ immer häufiger dazu durchgerungen, zu sagen: „Ja, es wäre tatsächlich nett, wenn du einen Apfelkuchen mitbringst“ und „Würdest du nächste Woche vielleicht nochmal meine Fenster putzen?“ Und wisst ihr was? Es tat gar nicht weh! „Nicht angenommene Großzügigkeit ist Stolz“, habe ich in meiner Kirche gelernt. Der Stolz steht der Liebe immer im Weg, auch der Liebe zu mir selbst. Ich lerne also hier nicht nur etwas für mich als Mutter, sondern auch gleich etwas für meine Seele: Ich kann und muss mir nicht alles verdienen. Echte Liebe ist umsonst. Großzügig.

 

Loslassen

Aufräumen, mit meinen beiden Kleinen um mich herum, sieht manchmal lustig aus. Ich putze eifrig durch die Wohnung und um mich herum krabbeln zwei kleine Spiel-Monster, denen dort wo ich aufräume, direkt etwas einfällt, was genau an diesem Ort wieder ausgekippt werden muss. Manchmal frage ich mich, was ich da eigentlich mache. Und manchmal lasse ich es. Viel zu selten noch. Loslassen ist ganz bestimmt der Punkt, der mir am schwersten fällt, aber ich lerne. Es muss hier nicht perfekt, ordentlich und stylisch sein. Es muss nur voller Liebe sein. Letztens sagte mir eine vierfache Mutter: „Bei uns ist halt nicht Schöner Wohnen, bei uns ist Schöner Leben.“ Und so soll es auch bei mir sein. Hier wird gelebt und ich will die Vorstellung meiner Instagram-Wohnung immer mehr loslassen und einfach frei und „Schöner Leben“! Seit 3 Monaten steht „Fenster putzen“ auf meiner ToDo-Liste und jedes Mal wenn es wieder in Strömen an unsere Fenster regnet denke ich: „Wie gut, dass ich sie noch nicht geputzt habe, sonst wären sie jetzt wieder schmutzig.“

 

Spät und schnell arbeiten

Ich hätte nicht gedacht, dass ich dann doch so viel in so kurzer Zeit schaffen kann. Ich habe eine Stunde allein bevor die Kinder aufstehen, ein bis drei Stunden Mittagsschlaf und ab 20:00 Uhr Zeit, wenn sie schlafen. In dieser Zeit muss ich mich duschen, Zähneputzen und alle paar Monate auch mal so verrückte Dinge wie Pediküre oder Beine rasieren machen. Ich arbeite bis jetzt von zu Hause freiberuflich und habe neben dem Blog noch ein paar andere (noch geheime) Projekte laufen. Sport, Haushalt, Emails und Telefonate müssen auch in dieser „freien Zeit“ erledigt werden. Ich möchte auch Freunde treffen und mal einen Film gucken oder ein Buch lesen. Und man glaubt es kaum: Ich tue es. Manche sagen: „Man wächst mit seinen Aufgaben“ andere „Mir ist alles möglich, durch den der in mir lebt“ – ich merke auf jeden Fall, dass ich mehr in kürzerer Zeit schaffen kann, als ich jemals gedacht hätte! Manchmal muss man den Schritt aufs Wasser wagen, um zu merken, dass es trägt. Manchmal muss man springen, um fliegen zu lernen.

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Normal sein

Als Liam zur Tagesmutter ging, hatte ich immer den Anspruch, dass die Zeit, die wir dann Nahcmittags zusammen hatten auch qualitativ hochwertig ist. Ich wollte etwas schönes machen und vielleicht auch etwas gut machen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihn „zum Einkaufen schleppte“ oder er mir beim Wäsche aufhängen zuguckte. Oder wenn wir den Nachmittag damit verbrachten, zur Post und zum O2-Shop zu gehen. Das waren ja nicht „seine Interessen“, oder? Diesem Anspruch konnte ich (zum Glück) nicht mehr gerecht werden, als er plötzlich jeden Tag, jede Minute bei mir zu Hause war. Und ich merkte, dass sein Interesse nicht besonders abenteuerliche Erlebnisse und Ausflüge waren. Sein Interesse war, bei mir zu sein. Er will mich und mein Leben sehen – echt und ungeschminkt. Er liebt es, mir beim Einkaufen zu helfen und selbst einen Wagen zu schieben. Er hängt so gerne Wäsche auf und ist mittlerweile eine richtig gute Küchenhilfe. Er weiß genau wo die Sachen aus dem Spüler hingeräumt werden müssen und er ist so glücklich, wenn ich ihn mithelfen lasse. Wäre er weiterhin in die Kita gegangen, wäre ich wahrscheinlich nie dazu gezwungen worden, normal zu sein. Und ich hätte all diese wunderschönen, kostenlosen, stinknormalen, unbezahlbaren, wahnsinnig schönen Momente verpasst. Meine Kinder sollen nicht gefördert und unterhalten werden, sie sollen leben. Den Alltag und die Abenteuer. Mir mir. Denn eigentlich wissen wir doch alle, dass es meistens nicht wichtig ist was man macht, sondern mit wem man es macht.

 

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11 replies on “Was ich gelernt habe, als meine Kinder nicht (mehr) in die Krippe gingen

  1. Liebe Sarah, das ist wirklich sehr gut geschrieben! Vielen Dank, dass du so ehrlich von dir persönlich berichtest zu so einem Thema über das man auch viel diskutieren könnte; was eher weniger hilfreich ist, meiner Meinung nach.
    Ich finde es so wichtig, dass man sich als Mamas gegenseitig ermutigt auf sein eigenes Herz zu hören!!
    Wir haben sechs Kinder zwischen elf und einem Jahr alt und unsre gehen erst so zwischen 2,5 und 3 Jahren in den Kindergarten. Und dann auch nur vormittags. Zum Mittagessen um halb eins sind alle wieder zu Hause, die Schulkinder manchmal auch ein bisschen später…
    Ich wünsche mir, dass die Kinder gern zuhause und mit der Familie zusammen sind, wie in einem sicheren Hafen, in dem man geborgen ist und Kraft tanken kann für neue Abenteuer…
    Dein Punkt mit dem ’normal sein‘ gefällt mir sehr gut. Zu viel mehr reicht es bei mir nämlich oft eh nicht… 😉 DANKE! ❤

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    1. Oh wie krass! 6 Kinder! Da könnte ich sicher viel von dir lernen! Leider finde ich das tatsächlich auch eine große finanzielle Herausforderung und es ist doch schade, dass viele von uns Müttern diese Wahl die wir haben gar nicht kennen, oder?

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      1. Als finanzielle Herausforderung sehe ich Kinder ehrlich gesagt garnicht. Das kommt wohl auf die Sichtweise an. Mein Mann hat studiert und verdient gut, aber auch kein Managergehalt ;-). Er hat Arbeitskollegen, die sich überlegen, ob sie sich mit ihrem Gehalt (und dem der vollverdienenden Ehefrau) überhaupt ein Kind leisten können. Wir haben mit dem einen Gehalt eine Familie mit sechs Kindern. Vielleicht stellt man da unterschiedliche Ansprüche an das Leben und das ‚versorgt-sein‘?!

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      2. Ja, das ist ganz bestimmt richtig. Es gibt da auf jeden Fall unterschiedliche Ansprüche. Ich weiß allerdings von mir und Freundinnen, dass es manchmal ohne ein kleines zweites Gehalt einfach nicht geht… aber tendenziell würde ich dir zustimmen 😊

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      3. Hallo Sarah, wir sind eine Familie mit fünf Kindern und kleinem Geld (mein Mann hat das Gehalt eines angestellten Bäckers). Es ist eine Herausforderung, das will ich nicht leugnen – aber es geht! Vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit mal darüber… Aber du darfst mich auch gern per privater Nachricht ausfragen, wie das funktioniert. „Über Geld redet man nicht“ finde ich einen doofen Grundsatz… Liebe Grüße, Martha

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  2. Diese wertvolle Blog Beiträge können alle zu einem Buch verfasst werden. Ich würde es mir kaufen. Sie beinhalten so viele tolle Ratschläge…viel besser, als so einige Bücher über Erziehung.
    „Bei uns ist halt nicht Schöner Wohnen, bei uns ist Schöner Leben.“ Das ist ein Motto, das mir gefällt.

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  3. Oh was für ein toller und wertvoller Beitrag! Meine Kinder sind schon etwas älter und ich war zuhause, und ich finde es so schade, dass vielen jungen Müttern irgendwie Druck gemacht wird, die Kinder so früh wie möglich anzugeben und sie diese wertvollen Erfahrungen nicht machen. Auch die Erfahrung, dass man es schafft, sich selbst um seine Kinder gut zu kümmern. Ich bin nicht gegen Kita oder Krippe (wenn das so rüberkommt)
    Aber ich glaube, es ist falsch, jungen Müttern einzureden, es gäbe besseres zu tun als selbst seine Kinder zu betreuen. Sie können das am besten.
    Toll, dass du mit deinen Worten dazu Mut machst

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    1. Liebe Natalie, da gebe ich dir sowas von recht!! Es ist ja auch echt nur eine kurze Phase… schon bald sind die Kids in der Schule und ich möchte dann nicht das Gefühl haben, ich hätte die Zeit vielleicht nicht ausgekostet.

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