„Ich glaube, es gibt mehr als wir sehen, aber was weiß ich nicht“

„Ich glaube Mohammed ist der einzig wahre Prophet“

„Ich glaube an mich und sonst nichts“

„Ich glaube an das gute Karma“

„Ich glaube an Jesus aus der Bibel“

„Ich glaube an gar nichts, was nicht wissenschaftlich bewiesen ist.“

„Ich glaube, wer glaubt ist nur zu schwach um sich mit der Realität abzufinden, dass das hier eben alles ist“

All diese Sätze haben ich in den letzten Monaten von unterschiedlichen Menschen um mich herum gehört.

Was ich glaube? Ich glaube, wir alle haben einen Glauben. Nicht nur die Spirituellen, die Meditierenden, Betenden und Bibel lesenden unter uns. Nein, auch die die dem Glauben abgeschworen haben. Die Logischen. Die Wissenschaftler. Wir alle glauben. Denn wer von uns kann sagen, dass seine Weltanschauung ohne Zweifel ist und sich auf wahres Wissen stützt? Wessen Überzeugung ist unantastbar? Das sind wahrscheinlich die, denen wir am wenigsten glauben sollten.

Wer von uns kennt sie nicht: Darwins Zeichnungen von einem Affen wie er sich in fünf Phasen zum aufrecht gehenden Menschen verwandelt? Auf einem Zeitstrahl über tausende von Jahren auf 10 cm Schulbuch Papier. Und wer von uns hat sich jemals mehr damit beschäftigt? Wer hat über den Tellerrand des neunte Klasse Biounterrichts geschaut?

Denn ja, da sind Lücken. Unbeantwortete Fragen. Niemand von uns war dabei, als der Fisch langsam Beine bekam. Und das hat es seitdem auch schon lange nicht mehr gegeben. Niemand kann sagen, ob das Urknall stattfand, ob die errechneten Wahrscheinlichkeiten ausreichten. Und niemand kann sagen warum und wie der Urknall ausgelöst wurde. Wir sind Menschen und das Universum ist komplexer als wir denken können. Ich finde das nicht (mehr) schlimm. Ich finde auch die Lücken nicht schlimm. Finde es mittlerweile auch beruhigend, dass ich nicht alles erklären und verstehen muss, dass ich Grenzen haben darf und, dass es etwas Größeres gibt als mich. Das ist doch auch irgendwie befreiend.

Nur die Lücken weg zu reden oder zu ignorieren, das ist falsch.

Und Brücken über diese Lücken zu bauen, das nennt man Glauben. Das Wissen ausfüllen mit einer Vermutung, einer Hoffnung, einer Möglichkeit.

Und diese Lücken habe ich auch. Als Gläubige Christin, als leidenschaftliche Predigerin und als studierte Theologin. Ich war nicht dabei als die Welt erschaffen wurde. Ich habe über meinen Gott gehört, habe wissenschaftlich erwiesene Wahrscheinlichkeiten für seine Existenz. Ich selbst habe ihn in meiner Seele gehört und gespürt – aber gesehen habe ich ihn nie. Er lässt mir Lücken, damit ich glauben kann.

Der Eine glaubt an Darwin, der Andere an sich selbst, der nächste an Mohammad und ich an Jesus. Und alle von uns haben Lücken und niemand von uns ist ohne Zweifel. Auch der Atheist glaubt, wenn er sagt „Es gibt keinen Gott“, denn was wenn doch?

Wir alle glauben und ich finde das nicht schwach, ich finde das ehrlich.

Nun glauben wir alle etwas anderes. Und niemand von uns darf den anderen verurteilen – eben wegen der Lücken die wir haben – und eben einfach weil wir frei sind! Viele Menschen mit denen ich mich unterhalte denken ähnlich. Sie haben in der Schule Darwin gelernt und es als plausibel empfunden. Dann haben wir Erfahrungen gemacht, die uns darauf schließen lassen, dass es doch „irgendetwas Spirituelles“ gibt. Und nun sagen wir in unserer Hyper-Loyalität zu jedem der eine spirituelle Überzeugung hat: „Wie schön für dich!“ Anstatt uns einmal mit einander auseinander zu setzten uns zu streiten. Es ist doch nicht alles, was man glauben kann, „schön“, oder?

Ich zum Beispiel glaube eine souveräne gute Macht. Ich glaube auch an das Böse. Wo Licht ist ist auch Schatten, denke ich. Und in der Geschichte haben sowohl Kommunisten auf Grund ihres sogenannten „Nicht-Glaubens“ zu viel Menschenleben ausgelöscht, als auch sogenannte Christen die auf Kreuzzüge gingen. Und heute sprengen sich die Gläubigen halt samt ihrer zivilen Umgebung mit Sprengstoff in die Luft. Und „es ist doch schön, dass es für dich gut ist“?!

 

„What’s wrong with the world, mama

People livin‘ like they ain’t got no mamas

I think the whole world addicted to the drama

Only attracted to things that’ll bring you trauma

Madness is what you demonstrate

And that’s exactly how anger works and operates

Man, you gotta have love just to set it straight

Take control of your mind and meditate

Let your soul gravitate to the love, y’all, y’all“

⁃Where is the love, Black Eyed Peas

 

Nein, nein, nein! Wir sollten langsam die Karten auf den Tisch legen. Wir müssen aufhören zu schweigen aus Angst jemandem unhöflich auf die Füße zu treten. Wir müssen uns eingestehen, dass wir alle glauben. Und wir müssen verstehen, dass nicht alle diese Überzeugungen gleichzeitig wahr sein können. Wir müssen beginnen uns darüber zu unterhalten. Nicht auf der Suche danach Recht zu haben, nicht um uns zu streiten um des Streitens willen. Nein, wir müssen uns streiten um die Liebe zu finden. Die Liebe die diese Welt retten kann. Wir müssen die souveräne gute Macht finden. Und die Liebe findet nicht einfach „alles gut für dich“. Die Liebe findet nur das Beste gut für dich!

So where is the Love?

Wo finden wir die Liebe? Ich finde sie bei Jesus. Und wo findest du sie?

 

Ich würde mich freuen, wenn in den Kommentaren eine kleine Diskussion entsteht. Eine liebevolle, bitte. Aber auch gern eine kontroverse. Von mir aus nimm meine Worte auseinander. Lasst uns streiten. Respektvoll. Aber lasst uns die Liebe suchen, denn ich finde nichts schlimmer als diese höfliche Gleichgültigkeit.

8 replies on “Ein Aufruf zum Streiten: Warum ich glaube, dass wir alle glauben müssen.

  1. Ein wesentliches Problem an dieser eigentlich sympathischen Argumentation ist in meinen Augen, dass sie mit einem Teekesselchen spielt und daraus eine Scheinlösung ableitet.
    Oder findest du wirklich, dass dein religiöser Glaube wesensgleich ist mit der alltäglichen Verwendung des Begriffs wie zum Beispiel in “Ich glaub, dass meine Mutter sich freut, wenn ich sie am Wochenende besuchen komme.“?
    Und sogar wenn das für dich so wäre (Religiöser Glaube kann sich natürlich auch sehr unterschiedlich ausprägen.), gäbe es ja immer noch wahres und falsches sowie gerechtfertigtes und nicht gerechtfertigtes Glauben.
    Da will ich aber gerne anerkennen, dass es mancher Atheistin (wie uns allen) gut täte, sich daran zu erinnern, es beides bei allen Menschen gibt.
    Oder?

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    1. Nee, Muriel, ich meine nicht dass jeder Glaube/Vermutung etwas religiöses ist. Ich meine nur, dass jede Annahme über die (Nicht-)Existenz und Natur Gottes ein Glaube und niemals Wissen ist 😊 macht das Sinn?

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      1. Ich denke halt, dass das auf mehreren Ebenen irreführend ist. Zum Beispiel muss man ja gar keine Annahmen machen, wenn man überzeugt ist, dass man dazu nichts wissen kann.
        Ich finde auch gar nicht, dass die Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen in diesem Kontext besonders erhellend ist. Dein Text erklärt auch nicht, was du jeweils darunter verstehst, deshalb sagt sie mir auch wenig.
        Und dann weiß ich nicht, was daraus folgen soll.
        Magst du das noch erklären?

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  2. Ich finde deinen Beitrag sehr gut und engagiert. Ja, wir sollten zur Wahrheit stehen! Es gibt nur eine… Allerdings bin ich der Meinung, dass ich nicht für Gott streiten muss. Ich habe schon öfters erlebt, dass man niemanden mit Argumenten oder Worten zum Glauben bringen oder vom Glauben überzeugen kann. Und ich finde es entlastend, dass ich das auch gar nicht muss. Ich muss Gott auch nicht verteidigen. Kennst du diese Redewendung: „Du sollst nur von Gott reden, wenn du gefragt wirst. Aber du sollst so leben, DASS du gefragt wirst.“ Da ist was dran…
    In letzter Zeit erlebe ich Frauen, die esoterisch unterwegs sind, als sehr aufdringlich und sehr „laut“, was ihre Überzeugung oder ihren Glauben betrifft. (Man trifft sie ja überall, z.B. in der Krabbelgruppe) Das stört mich… Ich möchte dem aber nicht das Gleiche entgegensetzen. Nichtsdestotrotz gilt 1. Petrus 3,15: „Seid allzeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“. Und das kostet durchaus Mut und Kraft und da können die meisten bestimmt noch viel daran arbeiten… ich auch 😉 Liebe Grüße, Martha

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  3. Wow – interessant! Dieses „schön für dich“ kenne ich auch. Meist ist es ja wirklich nur ein Versuch, eine Kontroverse, in der man ggf. mehr von sich offenbaren müsste, zu umgehen. Eigentlich ist das aber schade – klar man muss nicht mit jedem sein Innerstes teilen, aber warum nicht mal aufmachen, um sich zu zeigen? Verletzlich sein und sich verwundbar machen, können eigentlich nur die, die Frieden gefunden und keine Angst vor den anderen haben. Und das sehe ich als Voraussetzung für solche Gespräche.

    Deinen Beitrag (Familienlebenmitgott) finde ich auch sehr gut. Diese laute, fast schon missionarisch esoterische Ader, die im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Babies aufkommt, ist mir auch schon aufgefallen. Interessant, dass in dieser Zeit, die für viele mit großen Unsicherheiten und Ängsten verbunden ist, plötzlich eine Offenheit für derartiges entsteht.

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