Zum Muttertag denke ich dieses Jahr an Grace. Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Emotionen in mir hochkommen wenn ich ein Bild von ihr ansehe. Und jedes Mal, wenn sie mich anruft und wir ein ungefähr dreiminütiges Telefonat führen, in dem wir wegen ihres gebrochenen Englisch nicht weit über „How are you?“ „I’m fine. I miss you“ hinauskommen, habe ich Tränen in den Augen. Diese Frau hat mein Herz gestohlen und ist mir ein Vorbild ohne Gleichen.

Vor einigen Jahren verbrachte ich ein Jahr in Uganda in Ost-Afrika. Ich half dort unter anderem in einem Waisenhaus und verbrachte viel Zeit mit den Mamas, Ann und Grace. Sie lebten dort mit acht kleinen Kindern in einem Haus und sorgten für sie als wären sie ihre eigenen. Vor allem lebten sie für diese Kinder und für sonst eigentlich nichts. Sie hatten ihr ganzes eigenes Leben aufgegeben um das zu tun. Ich sah sie nie abends ausgehen, shoppen gehen, ins Kino oder in die Stadt fahren.

Jeden Tag das Gleiche: aufstehen, waschen, anziehen, frühstücken, die Großen zur Schule, die Kleinen zu Sarah, dann Wäsche waschen, Mittag kochen, Haus putzen, Mittag essen, Hausaufgaben, Abendessen, gute Nacht Lieder, Geschichte, ins Bett. Nebenbei Schnupfnasen, Traumata von verstorbenen Eltern und Probleme in der Schule – alles ohne Herd, Waschmaschine, Geschirrspüler usw. versteht sich.

Und immer wenn ich kam, wenn wir uns zwischen all den Kids kurz unterhielten, dann gab es jede Menge zu lachen. Sie mochten was sie taten!

Aber was mir Tränen in die Augen steigen lässt, geht weit darüber hinaus. Es ist der Tag an dem ich morgens um  fünf Uhr aus dem Fenster den Krankenhauses die feuerrote Sonne aufgehen sah – neben mir Grace und Dora. Dora war vor einigen Minuten geboren und ich war da gewesen. Live und fast alleine. Das war ein wunderschöner Moment! Und auch ein tragischer.

foto.grace.hand.

Ich war mit Grace im Krankenhaus weil niemand anders mitgegangen wäre – eine Schande sei dieses Kind. Unehelich. Ungewollt. Verachtet. Grace entschied sich die Schande zu tragen. Sie entschied sich für die abwertenden Blicke, die verletzenden Worte und für ein Leben ohne Hilfe. Sie entschied sich für die Liebe. Für Dora.

Nicht nur wir wissen nicht wer Dora’s Vater ist, auch Grace weiß es nicht. Sie hatte das alles nicht gewollt, das alles nicht selbst entschieden. Hatte das alles ertragen und dann – hatte sie sich entschieden zu lieben. Mutter zu sein für so viele Kinder. Mutter zu sein auch für so ein Kind. Für ihr Kind. Für Dora.

Nie sprach sie davon, dass sie bereut. Nicht ein einziges Mal. Sie ist mir ein Vorbild, weil ich bei ihr in besonderer Weise sehe, was ich bei so vielen Müttern beobachte und gerade beginne selbst zu entdecken. Es gibt eine Liebe – Mutterliebe – die stärker als das Ich ist. Liebe, stärker als das Opfer, stärker als der Schmerz, stärker als die schlaflosen Nächte, als die Sorgen, als die abgesagten Verabredungen.

Gerade telefonierte ich mit Grace – glaub es oder nicht (ich glaub es ja selbst kaum!), aber sie rief an direkt an, nachdem ich auf Speichern drückte. Sie zu hören tut gut: „Banage (Luganda: Oh,Wow!), Sarah you have a baby!!!“ Doch nicht ihre Worte, sondern ihr Leben macht mir Mut! Es lässt mich glauben, dass auch ich so eine Liebe in mir trage.

Und noch etwas als Fussnote: Ich habe nicht viel Ahnung von der #regrettingmotherhood-Debatte und trotzdem schreibe ich diesen Artikel mit dem Wissen im Hinterkopf, dass Frauen die unter wesentlich besseren Bedingungen freiwillig Kinder bekommen, laut aufstehen und in die Welt hinausrufen wie sehr sie es bereuen. Und ich glaube, wenn Mütter wie Grace nicht bereuen – müssen wir es auch nicht.

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