Im Juni 2021 war ich zusammen mit meinen drei Kids und meiner Mutter drei Wochen auf einer Mutter-Kind-Kur. Bevor wir losfuhren habe ich nochmal in mich hinein gehört und hatte zwei Wünsche. Zum einen, dass die Kinderbetreuung gut ist – denn ich wusste, dass ich mich nur wirklich entspannend kann, wenn ich weiß, dass es meinen Kindern gut geht. Und darüber hinaus habe ich gehofft, dass die Mitarbeiter:innen nett sind. Meine schlimmste Vorstellung war, unflexiblen Kinderbetreuern zu begegnen, die mit „Wir haben da Erfahrung und deshalb machen wir es so wie immer.“ über meine Wahrnehmung meiner Kinder hinweg gehen und Mitarbeitern, die mich wie eine unzurechnungsfähige Patientin behandeln und mich durch ein zusammengewürfeltes Pflichtprogramm schleusen. Auch ich hatte von vorzeitigen Abreisen und gescheiterten Aufenthalten gehört und gelesen. Und ich hatte mich vorher fast bei einer anderen Einrichtung angemeldet. Doch da kam schon am Telefon so ein Ton rüber, der diese beiden Befürchtungen triggerte und so habe ich mich – Gott sie Dank ! – auf mein Bauchgefühl verlassen und mich in dieser Einrichtung angemeldet. Dafür habe ich auf das „christliche“ Programm der ersten Einrichtung und den Pferdestall mit Reiten für die Kinder verzichtet. Bei der Abfahrt wendete ich mich mit diesem Wünschen nochmal an Gott und bat ihn außerdem, mich in dieser Zeit anzusprechen. Ich wünschte mir keinen lauten Knall, keine großen Ereignisse. Ich weiß gar nicht ob meine unruhige Seele damit hätte umgehen können. Ich sehnte mich nach einem Reden durch Menschen, Natur und Ruhe, die meine Seele wieder aus ihrem verwirrten Zustand heraus holen würde.

Wann macht man eine Kur?

Ich höre immer wieder die Frage, wann es einem denn „schlecht genug“ geht, um eine Kur zu machen. Ich finde diese Beschreibung des Müttergenesungswerkes (eine gute Anlaufstelle übrigens, wenn man eine Kur machen möchte) gut:

„Das Zeitbudget vieler Mütter ist oft sehr knapp. Den Haushalt managen, Kinder erziehen, der Partnerschaft Raum geben und die Anforderungen aus Familie und Beruf jeden Tag aufs Neue auszubalancieren. Schnell können diese Anforderungen zu Belastungen werden und daraus gesundheitliche Probleme entstehen, wie z.B.

  • Schlafstörungen
  • Starke Erschöpfung
  • Unruhe, Angstzustände
  • Kopf- und Rückenschmerzen
  • Magen-Darm-Störungen
  • Herz-Kreislauf-Beschwerden 

Diese und andere Beschwerden können ein Hinweis darauf sein, dass die Grenzen der Belastbarkeit erreicht sind und Mütter wirksame Unterstützung brauchen.“

Los gehts!

Die einstündige Fahrt von Hamburg nach Plön lief, wie zu erwarten, super. Am Tor wurden Coronatests und all das gut organisiert geklärt und dann lächelte die Frau, der ich auch später in therapeutischen Berautungsgesprächen begegnen sollte, noch einmal in mein Autofenster und fragte: „Hatten Sie denn eigentlich eine gute Fahrt? Das habe ich noch gar nicht gefragt.“ „Wirklich nett“, dachte ich und parkte mein Auto. Da kamen zwei Männern zu uns und baten uns um Entschuldigung, dass wir noch kurz warten müssten bis sie unser Gepäck ins Zimmer tragen. Ich war allein von dieser Geste schon so gerührt, das sich die ersten kleinen Momente der Dankbarkeit breit machten und ein wenig von der Anspannung abfiel. Durchweg erlebte ich die Mitarbeiter wirklich freundlich und zuvorkommend. Natürlich gabs da Abstufungen und nicht jede Küchenhilfe und Hausmeister waren ganz und gar von Nächstenliebe durchdrungen, aber die Freundlichkeit der Mehrheit machte es leicht darüber hinweg zu sehen.

Die Kinder in guten Händen

In der Kinderbetreuung erwarteten uns nette Mitarbeiterinnen, die auch die gesamte Zeit konstant dort blieben. Anfangs mussten wir einige unterschiedliche Erwartungen abgleichen. Ich war dankbar, dass ich meine Vorstellungen bezüglich meiner Kinder mittlerweile so klar kommunizieren konnte, war auch bereit ein paar Kompromisse zu machen und sehr sehr dankbar, als ich das Gefühl hatte gehört zu werden und später auch den Eindruck, dass sie in der kurzen Zeit auch meine Kinder ihren Persönlichkeiten entsprechend wahrgenommen hatten. Zum Ende der Zeit blieb sogar die kleine Tessa, die noch nie in einer Kita war, ganze Vormittage dort und durfte in eine Gruppe mit ihren Geschwistern. Das war ein Erfolg für alle und am Schönsten war es, dass ich sie mit einem guten Bauchgefühl abgeben konnte.

Begleitperson: Nicht plötzlich alleinerziehend

Eigentlich wollte ich gern eine Mütter-Kur machen. Also eine Kur ohne Kinder vor der Geburt unserers vierten Kindes. Aber da der Geburtstermin näher rückte und ich in den Einrichtungen, die ich gefragt habe nur bis zur 30. Woche kommen durfte, habe ich mich für eine Alternative mit meiner Mutter als Begleitperson entschieden. Ich war sehr dankbar, dass sie sich die Zeit genommen hat und ihre Energie geopfert hat, um mich in dieser Zeit zu entlasten. Gerade mit der Kleinen war das auch wirklich sinnvoll. Bei Kindern ab 3 Jahren, die ich bedenkenlos jeden Vormittag in die Betreuung geben würde, könnte ich mir nach meiner Erfahrung jetzt aber auch einen Aufenthalt ohne Begleitung auch mit allen vier Kindern vorstellen. Die Nachmittage waren grundsätzlich mit Qualitätszeit mit den Kindern gefüllt und das habe ich als mega schön empfunden. Man hat allerdings die Last des emotionalen Begleitens, Streitschlichten, Ins-Bett-Bringen usw. dann schon auch allein. 

Oh du schönes Plön!

Das Elly-Heuss-Knapp-Haus vom DRK liegt direkt an einem See mitten in der Holsteinischen Schweiz. Der Ort ist nur eine Stunde Autofahrt von und entfernt und ich kann immer noch nicht glauben, dass ich nicht wusste wie schön es dort ist. Die Seen sind total klar, erwärmen sich schnell, überall sind kleine und große Badestellen. Außerdem ist es hügelig – mitten in Schleswig Holstein! So sehr, dass die Kinder auf unserer ersten Radtour richtig schlimm gestürzt sind, weil wir die steilen „Hügel“ total unterschätzt haben. Hinter dem Haus liegt direkt der Wald man kann also im Wald wandern und Rad fahren oder sich am Haus ein Ruderboot nehmen oder Baden so oft man möchte. Das Wetter war erst regnerisch, aber dann immer viel besser als angesagt. Dort zwischen den Bergen (ich weiß, für Süddeutsche sind das Hügel) und Seen ist das Wetter sehr wechselhaft. Wenn Regen angesagt ist, kann es sein, dass es einfach nur 30min regnet und vorher und nachher die Sonne scheint. In den letzten beiden Wochen waren wir eigentlich fast jeden Tag im Wasser. Da gehörten wir schon ein bisschen zu den Hardlinern, aber wir waren auch die einzigen Norddeutschen. Gegen Ende der Zeit gesellten sich immer mehr Mütter und Kinder zu uns ins Wasser. Tatsächlich würde ich auch mal wieder einen Tagesausflug in die Gegend unternehmen, ich glaube dann nach Bosau an die Badestelle. Dort ist es perfekt für Nichtschwimmer!

Und das Programm?

Das Müttergenesungswerk schreibt: „Die Mutter-Kind-Kur bietet Ihnen die Möglichkeit, Ihre Gesundheit zu stärken, Abstand vom Alltag zu gewinnen und in aller Ruhe neue Wege aus den belastenden Strukturen zu finden. Mit Ihnen wird ein individueller Therapieplan erstellt, der je nach Bedarf z.B. medizinische Behandlungen, Physiotherapie, psychosoziale Einzel- und Gruppengespräche, Bewegungs- und Entspannungstherapien, therapeutische Angebote zur Mutter-Kind-Interaktion umfasst. Eine Mutter-Kind-Kurmaßnahme ermöglicht mit verschiedenen Therapieangeboten auch die Stärkung der Mutter-Kind-Beziehung. Die gemeinsamen Aktivitäten eröffnen Mutter und Kind die Möglichkeit, ganz neue Seiten aneinander zu entdecken.“

Zu Beginn so einer Kur hat man ein Aufnahmegespräch. Dort hat sich ein älterer Psychologe mir und den Kindern gegenüber gesetzt und auch die Kinder sehr nett nach Dingen wie Schlaf, Essverhalten, Geschwisterbeziehungen usw. gefragt. Mit mir wollte er dann besprechen „Was er mir Gutes tun kann“. Ich wünschte mir keine bis wenige Gruppengespräche, weil ich einfach nicht die Last der anderen hören wollte. Dafür bekam ich zwei Einzelgespräche, Nordic Walking, Fitness, Massage und Entspannungskurs. Jeden Tag fanden ein bis zwei dieser Dinge statt, immer am Vormittag wenn die Kinder betreut waren. Manchmal gabs auch freie Tage. Nichts davon war ein Pflichtprogramm. Oh, das fühlte sich schon beim Besprechen gut an. Und das wars auch! Dazwischen gabs viel Zeit zum Lesen, in der Sonne sitzen oder in den See springen. Nur ich ganz allein. Das war traumhaft und so viel zu lange her gewesen!

Ein Setting, dass die Seele ruhig macht

All diese Rahmenbedingungen haben mir einen Raum geschaffen, in dem meine Seele ruhig werden konnte. Hier wollte niemand etwas von mir. Also zumindest mal nicht mehr als den Alltag mit 3 Kindern. Aber immerhin ohne Arbeit, Handy und Kochen. Hier durfte ich sein und wusste, das war eine Zeit für mich. Die Gespräche in der Gruppe – ich war dann doch spontan einmal bei einem –, die einzelnen Beratungsgespräche und die Bücher, die ich gelesen und Podcasts, die ich gehört habe, haben total gut ineinander gegriffen. Da war es, mein Wunsch wurde wahr! Meine Gedanken ordneten sich, ich sah die Vergangenheit plötzlich klarer und konnte Situationen besser einordnen. Ich habe mich selbst wieder verstanden und konnte greifen, wie es dazu gekommen war, dass ich so erschöpft war. Ich bin da nicht mit großen Vorhaben, ganz neuen Strukturen und vielen Vorsätzen weggefahren. Aber mit einer neuen Klarheit und mit mehr Leichtigkeit. Einiges von dem, was ich in mir entdeckt habe, teile ich immer mal wieder in Häppchen auf Instagram.

Die Momente, die ich wohl nie vergessen werde, sind die zwischen 5:30 Uhr bis 7:00 Uhr allein mit meinem Notizbuch am See. Obwohl, allein war ich eigentlich gar nicht. Ich habe mich meinem Schöpfer so nah gefühlt. Es waren glaube ich nur drei oder vier Morgende an denen es mich wirklich so früh (5.30 Uhr) und freiwillig an den taubedeckten See zog. Aber die inneren Begegnungen dort haben sich fester als alle Fotos in meine Seele gelegt. Ich war so traurig, dass diese Morgende nun vorbei sein werden. Hatte solche Wehmut beim letzten Schluck Kaffee am See. Aber heute Morgen saß ich zu Hause in Hamburg auf dem Balkon, noch bevor alle wach waren. Und es war wirklich schön, ich bin die Gleiche und er ist der Gleiche. Und die Veränderung, die dort angestoßen wurde, sie zieht sich nun in meinen Alltag hinein. 

Gestern Abend schrieb mir eine Bekannte, dass sie heute – zwei Jahre nach ihrer Mutter-Kind-Kur – noch von den Erfahrungen dort zehrt. Für mich ist es nun zwei Monate her und ich habe diesen Artikel so lange zurück gehalten, weil ich erstmal sehen wollte, wie sich der Alltag hier so anfühlt. Ob ich den Eindruck habe, dass sich etwas nachhaltig verändert. Und ich darf dankbar sagen: Ja. Ich bin insgesamt aufgeräumter, erholter und klarer. Ich bin kein neuer Mensch – das wollte ich auch nicht werden – aber ich bin wieder mehr die Sarah, die ich kenne und sein möchte. Ich fühle mich meinem Alltag gewachsen und merke wie unter dem Ziel „den Alltag zu bewältigen“ wieder eine zarte Pflanze des Träumens, Wünschens und Zukunftgestaltens zu wachsen beginnt. Es entsteht wieder Lebensmut und Optimismus. Manchme Schwierigkeiten kann ich jetzt besser annehmen. Andere kann ich immer öfter mit Humor sehen. Kann über manche Verhaltensweisen meiner Kinder hinwegsehen, tief durchatmen und abwarten. Ich habe nicht mehr den Eindruck, dass ich gelebt werde, sondern nehme mein Leben wieder in die Hand. Und das fühlt sich so gut an!

Deutschland ist, soweit ich weiß, das einzige Land in dem es Mutter-Kind-Kuren gibt die von den Krankenkassen gezahlt werden. Es ist eine Präventionsmaßnahme, die eine so hohe Erfolgschance hat, dass sich das Invest der Gelder offensichtlich nach wie vor lohnt. „90 Prozent der Mütter sagen ein Jahr nach ihrer Kur, dass sie seitdem entscheidende Veränderungen vorgenommen haben, zum Beispiel geringeren Medikamentenverbrauch, weniger Arztbesuche, bessere Erziehungskompetenz“ (Quelle: Studie des Forschungsverbunds Familiengesundheit, Medizinische Hochschule Hannover). Und ich kann das aus meiner persönlichen Erfahrung nur bestätigen. 

Eine Antwort auf „Erfahrungsbericht Mutter-Kind-Kur: Ein erholsamer Raum für Körper und Seele

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