Wir wohnen direkt zwischen dem Gesang der äthiopisch-othodoxen Kirche und dem der Moschee. Einer singt immer und Fakt ist, ich sitze genau dazwischen. Am Sonntag ist hier in Äthiopien Ostern, doch wir haben schon letzte Woche Eier gesucht und saßen mit hauptsächlich weißen Gesichtern zusammen bei Sonnenaufgang im Gottesdienst um zu feiern, dass unser Retter auferstanden ist. Bei Instagram hängen die Leute jetzt langsam ihre Pinterest-tauglichen Ostereier wieder ab, während hier nun wieder überall Menschen mit Schafen und Ziegen durch die Strassen spazieren. Fürs Osterfest am nächsten Sonntag. Die dürfen aber nicht vor Mitternacht geschlachtet werden. Die armen Frauen; erst haben sie 40 Tage gefastet und nun müssen sie innerhalb von 24 Stunden ein Schaf vom lebenden in den essbaren Zustand bringen, samt aller Beilagen, ihre ganze Familie und alle Angehörigen satt kriegen, dabei nett lächeln, Café servieren und dann selber so viel essen, dass allen am Abend schlecht ist. Naja, das nennt man Kultur. Ist ja wertvoll. 

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Zumindest feiern die Muslime und die Iraner kein Ostern, denn sonst wäre es wie mit dem Neujahr: Ich feiere dreimal im Jahr Neujahr. Im Dezember das europäische, doch seitdem ich Kinder habe bleibe ich sowieso nicht bis Mitternacht wach und weil hier nix knallt und keiner feiert und jeder an Neujahr ausgeschlafen zur Arbeit geht und das auch von mir erwartet wird, habe ich mir vorgenommen mir wenigstens bis zum nächsten gregorianischen Neujahr ein Raclettegerät zu besorgen. Für meine europäischen Wurzeln. Ist ja Kultur und soll ja gut sein.

Im März feiern wir dann persisches Neujahr. Aber die iranischen Christen legen anstatt des Korans, die Bibel auf den Tisch. Da werden dann Eier gefärbt – wann sollen sie das auch sonst machen, wenn es kein Ostern gibt bei ihnen? –, kleine Fische gekauft, Gras ausgesät und es wird einige Tage vorher übers Feuer gesprungen. Am Neujahr selbst gibt es dann jede Menge Essen und schwarzen Tee – oder soll ich sagen Zucker, mit etwas Schwarztee dazu? – mit süßem Gebäck und jeder Menge Musik und Tanz. Das Tanzen hingegen haben sich die äthiopischen freien Christen, zu denen ich mich hier zugehörig nenne, abgewöhnt. Sei vom Teufel sagen sie – oder so ähnlich. (Hab noch niemandem verraten, dass ich manchmal zu Deutsch-Rap in meiner Küche tanze). Naja, geht ja auch niemanden was an, ist ja Kultur. Deshalb wird für sie hier im September an Neujahr auf jeden Fall nicht getanzt. Das machen dann die Orthodoxen, die ja sonst schon nix dürfen – immerhin tanzen sie. Glaube ich zumindest, aber so ganz durchgestiegen bin ich auch noch nicht. Ist eben Kultur und die ist super, aber eben auch super komplex.

Ja, und zwischen all diesen Neujahren feiern wir dann eben neben Ostern auch noch Weihnachten. Aber zum Glück alle am gleichen Tag. Außer die Iraner eben, die sind ja Muslime. Sagen, das ist Kultur, ist es aber eben nicht. Naja, mein Mann feiert trotzdem mit Weihnachten, der ist ja immerhin Pastor, was wohl gegen seine Kultur spricht. Aber irgendwann muss man sich eben fragen, wie weit Kultur gehen darf.

Und zwischen all diesen Kulturen und den Gesängen aus beiden Richtungen sitze ich. Ich bin kein Third Culture Kid, wie meine eigenen Kinder, weiß eigentlich wo meine Wurzeln sind – deshalb auch das mit dem Raclette – aber manchmal fühle ich mich ganz schön dazwischen. Ich liebe und hasse Dinge an all diesen drei Kulturen, will nur mal klar stellen, dass es bei Kultur kein „gut und böse“ gibt. Aber es gibt gerade eins für mich: komplette Verwirrung. Oder ist es Heimatlosigkeit? Hier nach Äthiopien gehöre ich gerade, da bin ich mir sicher. Aber zu Hause bin ich hier nicht, das weiß ich auch. Und so weine ich abends oft um meine Freunde und meinen Alltag, obwohl ich hier doch her gehöre. Aber ich gehöre auch dorthin, in meine Heimat ins raue, reiche, wunderschöne Hamburg. Und doch weiß ich, dass wenn ich jetzt dorthin gehe, dass ich dann nicht mehr zu Hause bin wie zuvor. Dass mich das Gestöhne über (aus äthiopischer Sicht) Lapalien in den Wahnsinn treiben würde und, dass ich noch schlimmer als jetzt hier, meine Heimat vermissen würde, wenn ich sie dort wo sie war nicht mehr finden kann.

Und jetzt kommen die Tränen schon wieder. Herausgespült von einer Sehnsucht nach zu Hause. Einem zu Hause, dass mehr als vier Wände sind. Und da ist sie zum ersten Mal: Die Sehnsucht nach dem Himmel. Wo jemand eines Tages jede Träne trocknen wird und der Tod keine Macht mehr hat und niemand Schmerz leidet, weint oder schreit oder trauert –#+ auch nicht ich, denn ich werde zu Hause sein. Mit vollen Taschen. Vielleicht nicht mit Geld, aber mit Liebe und Erinnerungen an vollgeweinte Kissen, an viel zu viele Neujahrsfeiern und an Menschen, die mir unabhängig von Religion, Hautfarbe und Herkunft ans Herz gewachsen sind. Und die nun neben mir stehen. Und wir sind alle zu Hause. Doch in der Zwischenzeit gibt es noch einige Tränen zu weinen und Feste zu feiern. Bis wir dann nach Hause gehen.

2 Antworten auf „In der Zwischenzeit: Culture Clash

  1. Oh Sarah, das ist so schön, so ehrlich, so bewegend geschrieben. Ich verstehe deine Sehnsucht nach dem „hier“ und gleichzeitig bewegt mich, dass du schon so viel von den „Werten des Lebens“ dort in Äthiopien für dich angenommen hast. Ich schäme mich manchmal wenn ich jammere über mein gutes Leben oder mich aufregen über Situationen, für die andere Menschen dankbar wären. Für mich bist du der verlängerte Arm meines Herzens, durch dich sehe ich unser Leben mit anderen Augen. Danke, liebe Sarah. Ich wünsche dir viel Kraft und ganz viel Mut durch zu halten. Fühl dich ganz doll umarmt. ❤️

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  2. Liebe Sarah, vielen Dank für deine Worte! Sie sprechen mir so sehr aus dem Herzen. Ich bin auch erst seit ein paar Monaten im Ausland und du hast super zu Wort gebracht, was ich im Moment fühle! 🙂 Wie schön, dass wir trotz dem, dass uns Kontinente trennen und wir uns nicht kennen, verbunden sein können durch diese Erfahrungen und unseren Gott! 🙂

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