Letzten Samstag wäre ich am Liebsten ausgezogen. Draußen regnete es den ganzen Tag in Strömen und drinnen war die Luft zum Schneiden gespannt. Ich konnte nichts richtig machen, entweder war das Honigbrot nicht in der richtigen Richtung geschnitten, der Lichtschalter von der falschen Person angeschaltet oder der Bruder hatte immer genau das Spielzeug, das Nova ja gerade haben wollte. „Nein Mama!“ wurde zum Refrain des Tages und es schrie immer jemand – viel zu oft ich selbst.
In solchen Momenten nerven mich nicht nur die Kinder mit ihrem ständigen Streit, ihrer Unzufriedenheit und ihren ständig wechselnden Wünschen und Bedürfnissen. Was mich richtig zermürbt, ist die ständige Frage: „Was habe ich nur falsch gemacht, das meine Kinder so schreckliche kleine Monster geworden sind?“. Ich durchforste all mein pädagogisches Hintergrundwissen, um irgendwo den Knackpunkt zu finden an dem ich den entscheidenden Fehler gemacht habe und meine Kinder vollkommen verzogen habe. Ich suche nach einer Methode, wie ich ihnen altersgerecht und spielend beibringen kann freundlichere und zufriedenere Menschen zu sein. Doch ich finde keinen, und dafür gibt es meiner Meinung nach drei entspannende Gründe:

Kinder sind auch Menschen

Kinder sind Menschen mit Gefühlen, Stimmungen und Bedürfnissen – und Fehlern. Die Christen würden sagen Sünden. Wie auch immer du es nennen möchtest, wir sind uns sicher alle einig, dass niemand von uns perfekt und fehlerlos ist. Wie kamen wir nur auf den Gedanken, dass unsere Kinder anders sind als wir?

Und weil sie von Natur aus Fehler haben und auch Fehler machen, ist ihr negatives Verhalten nicht immer gleich auf mein Versagen zurück zu führen. Manchmal geht es viel mehr darum, sie trotz ihres Versagens in den Arm zu nehmen und sie zu lieben. Denn was gibt es denn schon schöneres, als wenn einen jemand in Momenten der eigenen Schwäche in denen wir unser ekelhaftestes Gesicht zeigen, in den Arm nimmt und uns sagt, dass es uns immer und bedingungslos liebt?

 

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Timing ist alles 

Ich sprach letztens mit einer Mama von Teenagern und sie sagte mir, dass ihr Automatismus im Kopf ist „Wenn sie es nicht verstanden haben, dass sie ihre Zimmer jetzt abends aufräumen sollen, dann muss ich es eben öfter, nachdrücklicher und noch lauter sagen – schreien. Bis sie es verstehen!“. Sie sagte mir dann, wie sehr sie gemerkt hat, dass dieses Prinzip niemals funktioniert. Denn alles hat seine Zeit und wie lange habe ich denn bitte gebraucht um manche einfache Prinzipien zu verstehen!? Ich checke doch oft immer noch nicht, dass ich Anfang des Monats nich drei Mal teuer essen gehen kann, wenn ich am Monatsende noch Schuhe kaufen will. Wie kann ich dann von meinen kleinen Kindern erwarten, dass sie von heute auf morgen begreifen, dass sie das Brot ohne Wurst essen müssen, wenn sie vorher die Wurst alleine essen. Nur, dass sie es jetzt nicht verstehen, heißt nicht, dass sie es nie verstehen werden! Es braucht nur alles seine Zeit – und meine Geduld. Manchmal ist es nicht mein Fehler, sondern nur noch nicht die richtige Zeit.

 

Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel: Zeit zum Gebären und Zeit zum Sterben, Zeit zum Pflanzen und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten, (…) Zeit zum Suchen und Zeit zum Verlieren, Zeit zum Bewahren und Zeit zum Wegwerfen, Zeit zum Zerreissen und Zeit zum Nähen, Zeit zum Schweigen und Zeit zum Reden, (…) Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, davon, dass er sich abmüht?

– Prediger 3, Die Bibel

 

Der lange Atem zählt

Letztendlich ist es nicht wichtig, dass ich Kinder habe, die möglichst wenig Fehler machen. Viel wichtiger ist, dass ich Kinder habe, die sich auch wenn sie Fehler machen, geliebt wissen. Schlimm ist nicht, dass mein Kind sich wegen eines Lollis im Supermarkt auf den Boden schmeißt. Schlimm wäre nur, wenn es sich mit 25 unsicher ist, ob seine Eltern es lieb haben, nachdem es sein Studium geschmissen hat. Was werden meine Kinder mit 25 sagen wenn sie gefragt werden, welche Werte sie aus ihrer Familie mitgenommen haben? Wofür sind ihre Eltern bei Ihnen bekannt? Dafür, dass sie versuchen zu verhindern, dass die Kinder jemals Fehler machen und ihrem Ruf und ihren Nerven schaden oder dafür, dass es für jeden noch so große Fehler, noch viel größere Vergebung gibt? Und dafür, dass sie zu ihnen halten und sie in den Arm nehmen, wenn sie es am wenigsten verdienen? Natürlich müssen unsere Kinder erzogen werden und natürlich können wir ihnen helfen eine gute Grundlage an Werten und Prinzipien zu lernen. Aber dabei geht es viel mehr darum, wie wir mit unser Menschlichkeit und den Herausforderungen die das mit sich bringt umgehen und weniger darum, wie wir fehlerlos werden. Also schließe ich kurz die Tür, atme tief durch, gehe wieder in die Höhle des Löwen – in diesem Fall das Spielzimmer mit zwei schreienden Kindern – nehme sie in den Arm, gucke in ihre verrotzten, traurigen, wütenden und trotzigen Augen und sage: „Es tut mir leid, dass ich so laut geworden bin. Ich habe dich lieb und deshalb möchte ich dich nicht anschreien. Ich möchte freundlich zu dir sein.“ Und vielleicht haben wir alle an diesem Nachmittag mehr gelernt als an den friedlichen Friede-Freude-Eierkuchen-Tagen zuvor: Wir sind geliebt – trotz unser Fehler. Weit darüber hinaus.

The way we talk to our children, becomes their inner voice.

-Peggy O`Marra

Am Ende geht es doch bei Erziehung darum zu leben, nicht zu lehren. Erziehung ist doch eigentlich gar kein Stil und keine Methode. Erziehung bedeutet Vorbild zu sein – in guten wie in schlechten Zeiten. Unter Christen sagen wir: „Dein Leben ist die erste Bibel, die deine Kinder lesen.“ Und ich entdecke darin Verantwortung, aber auch Freiheit. Ich brauche nicht Pädagogik studieren um Kinder zu erziehen oder mir besonders viele kluge Methoden und Bücher zu Gemüte führen. Ich darf ich selbst sein – ich muss es sogar. Denn was ich sage und vorlebe, ist das was meine Kinder prägt und nicht das, was ich weiß oder welche Theorien ich anzuwenden versuche. Erziehung ist eine Kunst, keine Wissenschaft. Und es scheint mir so, als wäre es häufig die Kunst, ich selbst zu sein und meinen Kinder das auch zu erlauben.

 

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