Ich weiß noch genau, wo ich saß. In einem Drehsessel im Büro meiner Arbeit als Sozialarbeiterin und Fundraiserin, als ich in der Mittagspause ein Telefonat führte, das ich nie wieder vergessen sollte. Es ging darum, den Inhalt meines ersten Buchvertrags zu besprechen. Ich hatte die Lektorin am Telefon und alles war super aufregend. Ich war angefragt worden, ob ich ein Buch schreiben wollte. Das war für mich ein großes Kompliment und die frühe Erfüllung eines Lebenstraums. Ich war bereit, über fast alles zu schreiben! Wir blieben im Gespräch über unterschiedliche Themengebiete bei Frauen, Rollenverständnis, Theologie und Feminismus hängen. Das war das Thema, bei dem mein Bauch kribbelte, wo ich selber die meisten Fragen hatte und auf das ich einfach richtig Lust hatte. Ich habe dort noch nicht geahnt, dass es sich wie ein Lebensthema durch die nächsten zehn Jahre ziehen würde.

Dann fiel dieser Satz, den ich damals nicht einmal hinterfragte. Aber den ich doch immer noch wie einen Stein im Bauch fühlen kann, wenn ich heute an ihn denke: „Nur das Wort Feminismus sollte so nicht auftauchen.“

Heute würde ich fragen, warum das so wichtig sei? Ob da eine Policy vom Verlag dahintersteht oder das eine persönliche Meinung ist. Ich würde anmerken, dass ich im ersten Moment ein unstimmiges Gefühl dabei habe und da gern noch mal drüber nachdenken würde. Und würde fragen, ob es auch andere Schlagworte und Themengebiete gibt, die der christliche Verlag bewusst nicht thematisiert.

Damals sagte ich vermutlich so etwas wie: „Ja klar, verständlich.“ Ich stand ja selber auch noch ganz woanders. Und trotzdem, dieses Bauchgefühl war da. Ich kann es heute noch fühlen.

In meinem Instagram-Profil steht Feministin. Und ich glaube, es hält manche vom Folgen ab. Es steht dort trotzdem. Dieses kantige Wort. Ein Wort, hinter dem sich so viel verbergen kann, das so viel auslöst und so missverständlich sein kann. Denn natürlich gibt es auf Social Media extreme feministische Haltungen, die aber ja niemals für die ganze Bewegung sprechen. Niemand kann das.

Auf Partys kann ich meistens nicht nichts sagen, wenn frauenfeindliche oder ungerechte Aussagen im Raum stehen. Es ist unbequem. Jedes Mal. Und jedes Mal frage ich mich, ob ich wirklich so im Recht bin, wie ich mich fühle. Es ist nicht nur unbequem für mein Gegenüber, sondern auch für mich. Ich bin auch lieber bequem und werde auch lieber nicht mit Männerhass, Opferhaltung und Dominanzansprüchen assoziiert.

Ich höre mittlerweile gern zu, habe Verständnis für Ängste, die durch feministische Frauen ausgelöst werden. Ich finde auch, da darf Dialog stattfinden, und meine persönliche Geschichte darf nicht so von Verletzungen und Kampfgeist befeuert werden, dass ich nur noch unbequem bin und mich selber gern reden höre.

An meinem Küchentisch antworte ich manchmal so lange auf eine Frage, die das Thema streift, dass meine Kinder längst abgeschaltet haben. Zum einen fragen die sich, glaube ich, worüber ich eigentlich spreche. Denn viele Probleme kennen sie aus Erzählungen, aber erleben sie nicht in ihrem persönlichen Umfeld. Sie gucken mich mit ähnlich großen Augen an, wie wenn ich über den Holocaust oder die Apartheid spreche. Auch sie werden irgendwann vermutlich merken, wie tief diese Strukturen gehen. Bis in ihre eigene DNA hinein vielleicht sogar.

Doch genau deshalb höre ich nicht auf, auf Social Media, auf Partys und am Küchentisch darüber zu sprechen. Denn dass meine Kinder heute kein genaues Bild mehr davon haben, dass Frauen als weniger kompetent eingeschätzt werden, nicht wählen dürfen, hauptsächlich Mütter und Hausfrauen sind und Mädchen rosa tragen, liegt daran, dass viele vor mir unbequem waren. Es mag unbequem und unattraktiv sein, feministische Überzeugungen zu teilen – aber dennoch wichtig. So lange wichtig, bis es irgendwann nicht mehr auffällt. Bis es normal und nicht mehr unattraktiv ist Feministin zu sein.

One thought on “Warum ist Feminismus eigentlich so unattraktiv?

  1. Einen wunderschönen Guten Morgen Sarah,Ich lese gerne deine Newsletter!Immer wieder erfrischend, leicht aber auch herausfordernd!Feministin! Was bedeutet das für dich genau! Die offiziel

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