Weihnachten ist magisch. Den November fand ich dieses Jahr fast unerträglich dunkel. Ich glaube, es liegt daran, dass ich älter werde. Früher habe ich das gar nicht so wahrgenommen. Doch dieses Jahr hatte ich den Eindruck, ich verlerne, mich daran zu erinnern, wie sich direktes Sonnenlicht anfühlt. Immer, wenn die Sonne mal kurz durch die Wolken blitzte, entglitt mir ein genussvolles Seufzen, und es war eigentlich egal, wo ich war oder was gerade um mich herum passierte: Ich schloss meine Augen, hielt mein Gesicht Richtung Sonne und sog den Moment auf. Das kostete mich nicht viel Zeit, denn die Momente waren kurz und selten.

Der Dezember dagegen bringt so viel Licht mit sich: Kerzen, Lichterketten, Weihnachtsbäume, Adventskränze und so viele kleine Freuden – besonders, wenn man mit Kindern zusammenlebt. Die Wunschzettel, die Nikolausstiefel und die Krümel neben dem Keksteller, den sie ihm bereitgestellt hatten – ist schon klar, dass der Nikolaus auf jeden Fall männlich ist, obwohl 97 % der Personen, die die Stiefel befüllen, es nicht sind, oder? Egal, jetzt wollten wir ja über die schönen Dinge sprechen. Also weiter: Die tägliche Freude über den Adventskalender in den Augen meiner dreijährigen Tochter ist wirklich so bezaubernd, dass mein eigenes inneres Kind gleich einen Freudenhüpfer macht. Der Zauber in den Augen aller Kinder, als sie am 1. Dezember aufwachten und ihre gefüllten Adventskalender, dekoriert mit kleinen Lichterketten, im Dunkel des müden Morgens leuchten sahen. Das ist einfach wunderschön!

So dunkel ich den November auch fand, so bezaubernd finde ich den Dezember mit all seinen Geheimnissen, Freuden und seinem Licht. Wenn ich nicht gerade gestresst bin. Und das bin ich ständig. Heute Morgen zum Beispiel: Ich hatte Weihnachtsgeschenke bestellt und meinen Kosmetikvorrat im Sale aufgefüllt und stellte nach und nach fest, dass meine Pakete nicht ankamen. Beim ersten dachte ich, es sei einfach ein unglücklicher Zufall. Doch nach und nach dämmerte mir, dass da etwas nicht stimmte. Also stellte ich mich in die 45 Minuten lange Schlange bei der Post, um der Sache auf den Grund zu gehen. Und ob es nun ein neuer Fahrer war, die Versicherung von DHL oder was auch immer – meine Pakete sind weg. Samt der Rabatte und Versandkosten.

Dabei hatte ich schon so einen blöden Morgen hinter mir. Meine Kleinste hat sich den Dezember direkt für einen Wachstumsschub ausgesucht und findet all die zusätzliche Spannung um Weihnachten, das Abwarten vor dem Adventskalender und die Aufregung um Plätzchen, Tannenbaum und Co einfach nur anstrengend. Oder vielleicht findet sie auch mich anstrengend, weil ich so angestrengt bin. Heute Morgen schrie sie jedenfalls das Lastenrad mitsamt unserer kleinen Vorstadtstraße zusammen, was ich in meiner Anspannung nicht aushalten konnte. Ich drehte also um, um mit dem Auto zu fahren. Sie schrie noch mehr. Ich parkte das Rad gestresst und – zack – fuhr gegen eine Kante, und der Reifen war platt. Ich fuhr wohl auch sehr schwungvoll. Und der Gedanke, dass dieser Stress mich jetzt eine weitere Bestellung eines Fahrradschlauchs, ein weiteres Paket, das ich suchen und abholen muss, und Geld und Zeit kosten würde, machte die Situation nicht besser.

Auf dem Rückweg von der Post merkte ich wieder, wie mir die Zeit davongelaufen war. Habe ich doch auch ADHS wie ein Großteil aller öffentlichen Personen? Oder habe ich einfach nur Kinder? Oder Weihnachten? Oder beides? Und – zack – wurde es hell im Auto. Ich hatte mich bestimmt schon zehnmal so konzentriert, den Blitzer in der Dreißigerzone zu beachten – jetzt nicht. Das ist die andere Seite vom magischen Dezember-Weihnachtslichter-Winterzauber. Hinter (fast) jedem zauberhaften Weihnachten steht eine zerzauste, müde Mutter, könnte man auch sagen. Oder wie die kanadische Sängerin Farideh singt: „Die Magie von Weihnachten ist deine Mutter.“

Das ist kein „Deine-Mutter-Witz“. Leider. Das ist Realität.

Laut einer Umfrage von TODAY.com erledigen und planen Mütter 97 % der Weihnachtsvorbereitungen. Und da das so ist und schon immer so war, sind es auch die Mütter, die automatisch den Druck verspüren, zur Weihnachtszeit Erinnerungen und einen Zauber zu schaffen. So wie sie es im besten Fall selbst erlebt haben – oder es sich im schlechtesten Fall immer gewünscht haben. Denn das Narrativ ist klar: Die Mama ist der Wichtel im Hausflur, der Nikolaus in der Nacht, sie leitet die Weihnachtsbäckerei und kommt mit zum Adventsbasteln, füllt liebend gern Adventskalender und schafft dabei Traditionen. Sie schmückt die Wohnung, zündet Kerzen an und legt ihr Herz in all diese Aufgaben, um den Menschen, die sie liebt, eine schöne Zeit zu gestalten. Und das ist wunderschön, wenn es bewusst und freiwillig geschieht.

Doch in Interviews zur Umfrage von TODAY.com wurde auch deutlich, dass die Weihnachtszeit eine Zeit voller Partnerschaftskonflikte ist. Denn zusätzlich zum Vorbereitungsstress, der mit den Traditionen und kleinen Glücklichkeiten der Kinder zu tun hat, kommt die Verantwortung der Beziehungspflege, die in dieser Zeit ganz besondere Bedeutung bekommt. „Frauen, die mit Männern verheiratet sind, nehmen automatisch an, dass sie die Aufgabe der Beziehungspflege in dieser Zeit tragen“, heißt es. Beziehungspflege umfasst zum Beispiel, Familienbesuche und -feiern zu planen, wobei natürlich die Schlaf- und Essenszeiten der Kleinkinder sowie die Bedürfnisse aller Anwesenden ausbalanciert werden müssen.

Beziehungspflege beinhaltet auch den Besuch von Weihnachtsfeiern der Kinder sowie die Organisation kleiner Geschenke für Postboten, Nachbarn, Kinderbetreuer:innen und Freunde. Und natürlich fällt auch die Kommunikation mit den Schwiegereltern und Geschwistern in den WhatsApp-Gruppen zum Thema Geschenke, Weihnachtsverabredungen und Essensplanung im Durchschnitt automatisch den Frauen zu. All das ist unsichtbare Arbeit. All diese Aufgaben führen dazu, dass wir gestresst sind, Reifen kaputt fahren, Pakete nicht annehmen und im Stress den Blitzer nicht sehen.

„Mach dir doch nicht so viel Stress.“ – „Du nimmst das aber auch alles so wichtig.“ – „Entspann dich doch mal.“ Das sind gängige Reaktionen auf gestresste Mütter zur Weihnachtszeit. Als wäre die Erschöpfung ausgedacht oder in einer labilen Psyche zu begründen. Eve Rodsky von @fairplaylife beschreibt, dass Männer oft sagten, ihre Frauen seien „mit so vielen unnötigen Dingen“ beschäftigt. Besonders häufig wird dabei das Versenden von Weihnachtskarten genannt.

Natürlich kann man über die Notwendigkeit von Weihnachtskarten – oder auch die von Adventskränzen, selbstgebackenen Plätzchen usw. – streiten. Doch wenn die Vorwürfe von der Person kommen, die anstatt ihrer 50 % durchschnittlich nur 3 % der Verantwortung für diese Aufgaben übernimmt, sind Konflikte vorprogrammiert. Rodsky empfiehlt daher, direkt nach der Weihnachtszeit – wenn die Emotionen etwas abgekühlt sind, die Erinnerungen jedoch noch frisch – die Weihnachtszeit für das nächste Jahr gemeinsam als Paar zu planen und Verantwortlichkeiten klar aufzuteilen und damit sichtbar zu machen.

Ganz viele der Aufgaben, die einen schönen Dezember ausmachen und ihn für die Kinder so magisch werden lassen, finden ja ganz bewusst heimlich statt. Es ist eine ungesehene, unausgesprochene, ungeplante, unsichtbare Arbeit, den Zauber von Weihnachten zu erwecken.

Priska Lachmann sagte letztens in ihrer Instagram-Story: „Wir nehmen uns zu Weihnachten zusätzlich zu unserem ohnehin schon vollen Leben alle möglichen Aktivitäten vor, die es uns besonders gemütlich machen sollen, und wollen auch zum Jahresende mit allem fertig werden. Kein Wunder, dass wir gestresst sind.“

Heute Nachmittag wollte ich gerade die Pizzaschnecken einpacken, die ich noch heute Morgen im Dunkeln gebacken hatte, um zur vorletzten Schulweihnachtsfeier zu gehen. Ich hatte allerdings auch den Einkauf einen Tag früher bestellt, damit das Gemüse so geliefert wird, dass ich es morgen frisch geschnippelt zum Weihnachtsbrunch im Kindergarten mitnehmen kann. Doch der Einkauf verspätete sich, während meine Kleinste laut und lange ihrem Frust darüber Ausdruck verlieh, dass ich ihr gesagt hatte, sie müsse das Kaugummi aus ihrem Adventskalender nach dem Kauen ausspucken. Wollte sie nicht. Fand sie blöd. Und dann fand sie auch Schulweihnachtsfeiern blöd, und ich war einfach am Ende.

Sie wollte mit mir aufs Sofa, dort fielen mir ständig die Augen zu. Bestimmt nahm sie jedes Mal ihre kleinen, pieksigen, nach Kaugummi riechenden Finger und öffnete meine Lider: „Ich will das nicht. Du sollst wach sein!“ Da klingelte es endlich an der Tür, der Einkauf kam – und sie schlief auf dem Sofa ein. Ich rief meine Tochter in der Schule an, um ihr zu sagen, dass ich nicht mehr kommen konnte. Sie weinte bitterlich. War total enttäuscht. Von mir. Und meinem Weihnachtszauber.

Das gab mir den Rest. Ich ließ den Einkauf stehen, das Kind schlafen und weinte eine Runde. Auf dem Flur, vor dem Spiegel, betrachtete ich mein verzweifeltes, verzerrtes, verweintes Gesicht. Auch das steht hinter dem Zauber von Weihnachten.

Ich werde vermutlich weiterhin Jahr für Jahr Adventskalender befüllen – wenn auch wesentlich einfacher, als ich es früher getan habe: mehr Süßes, weniger Zeug. Und ich werde weiterhin einen Adventskranz haben – doch seit einigen Jahren haben wir einen Betonkranz, der nicht nadelt, nicht gebunden werden muss und nur jedes Jahr vier neue Kerzen braucht. Ich werde weiterhin zum Adventsbasteln gehen, wenn es mir möglich ist. Und ich werde weiterhin Grenzen haben und mal weinen und auf dem Boden sitzen. Weil sich Liebe auch so zeigen darf.

Sie darf auch aufopfernd sein.

Aber eins werde ich nicht mehr tun: Ich werde mich nicht mehr fragen, warum ich so gestresst bin. Ich werde mir nicht mehr einreden, dass ich mich einfach ein bisschen mehr entspannen müsste, oder mich fragen, was mit meiner labilen Psyche verkehrt sein könnte. Denn ich weiß mittlerweile, warum ich Pakete vergesse, Reifen kaputt fahre und zu schnell in der Dreißigerzone bin:

Ich erwecke gerade den Zauber von Weihnachten. Und das ist wichtige und kostbare Arbeit. Auch wenn man sie nicht sieht.

Und immer wieder mal schließe ich kurz die Augen und sauge den Moment auf. So wie im November die Sonnenstrahlen. Das Funkeln in den Augen, beim Anzünde der ersten Kerze. Ihr Lachen von ganz tief aus dem Bauch, als sie sich beim Backen das Mehl an den Bauch schmiert. Unser lautes Quietschen bei der Strohschlacht nach dem Tannenbaumkauf. Den Geschmack des besten Glühweins, den ich bisher getrunken habe. Die Diskussionen darüber, ob es den Nikolaus vielleicht doch wirklich gibt. Wie er mir sein Gedicht vorträgt. Immer wieder. Und wenn ich nicht gerade im Flur sitze und weine oder Strafzettel bezahle, werde ich selbst ein kleines bisschen davon verzaubert – von der Magie von Weihnachten, die Mütter seit vielen, vielen Jahren immer wieder zum Leben erwecken.

Jetzt kommt richtig gute Werbung: Wenn du mehr authentische Erzählungen von den schönen und verletzlichen Momente von Mutterschaft in deinen Händen halten möchtest, kannst du jetzt das Buch „Ein neuer Herzschlag – Worte die dich halten, während du dein Kind hältst“ von Katharina Weck, Alyssa Schwarz und mir in meinem Shop vorbestellen. Mit der Bestellbestätigung bekommst du automatisch einen Gutschein zum Download gesendet, den du wenn du möchtest einer anderen (werdenden) Mutter unter den Weihnachtsbaum legen kannst. Das Buch erscheint um den 15.01.25 und wird um dieses Datum herum von mir versendet.

Blick ins Buch.

2 replies on “„Die Magie von Weihnachten ist deine Mutter“

  1. Liebe Sarah, mit Pipi in den Augen habe ich deinen Text gelesen. Es gibt keine Mutter, die nicht die Tränen auf dem Flur kennt. Und das nicht nur im Advent aber da besonders. Vielen Dank für deine treffenden Eorte. Ich mag es sehr wie du das Innere und das Äußere in Zusammenhang bringst. Gemütliche Adventszeit weiterhin 😉

  2. Liebe Sarah,

    vielen Dank für deine lange, ausführliche E-Mail! Wie immer triffst du genau die richtigen Worte und sie tun mir so so gut.

    Ich werde mir euer Buch bestellen, weil ich es sehr mag, wie und was ihr schreibt und auch, weil ich deine Arbeit wertschätzen und honorieren möchte.

    Alles Liebe und weiterhin eine schöne Adventzeit trotz aller Herausforderungen! 🫶🏻

    Deine Stefanie

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