Für Erziehungsfragen gibt es unzählige Ratgeber – in Form von Büchern, Blogs, Freundinnen oder (Schwieger-) Müttern. Aber gibt es nicht auch ein Zuviel des Guten? Wieviel Rat brauche ich? Oder höre ich doch besser auf mein Bauchgefühl? 

Die meisten meiner Freunde würden mich als selbstbewusst und willensstark bezeichnen. Ich habe zu den meisten Dingen eine Meinung und bin nicht leicht zu verunsichern. Doch diese Eigenschaft veränderte sich schlagartig an einem Nachmittag im Mai 2014. Ich hielt meinen ersten positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Und zusammen mit der Freude und den Gedanken der unglaublichen Dankbarkeit wuchs noch ein weiteres Gefühl in mir: Unsicherheit. Überwältigende, nagende Unsicherheit: Werde ich alles richtig machen? Kann ich das überhaupt: Eine gute Mama sein? Was muss ich als nächstes tun? Welchen Test machen und welchen sein lassen? Was darf ich essen und was nicht?

Ich möchte unbedingt alles richtig machen! Wie niemals zuvor in meinem Leben verspüre ich den Drang, möglichst wenig Fehler zu machen. Denn ich möchte nur das Beste für meine Kinder. An diesem Nachmittag im Mai begann eine Liebe in mir zu wachsen, die bereit ist, hunderte Extrameilen zu gehen. Eine Liebe die ich nicht kannte, bevor ich Mutter wurde. Damit wuchs auch die Verantwortung, gute Entscheidungen für diesen kleinen Menschen in mir zu treffen. Diese beiden – Liebe und Verantwortung – brachten erst einmal eine große Unsicherheit in mein Leben.

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Die Google-Falle

Dazu kam, dass man mit dem Tag, an dem man Mutter wird, plötzlich eine Person des öffentlichen Lebens zu sein scheint. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn mich die Meinungen der anderen nicht so furchtbar interessiert hätten! Denn obwohl ich häufig von all den Meinungen genervt war und mich sagen hörte: „Ich weiß schon, wie ich das mache, misch dich da nicht ein!“, flüsterte die Stimme der verunsicherten Mutter in mir: „Aber du brauchst die anderen, allein schaffst du das nicht.“

Noch bevor mein erster Sohn geboren wurde, bekam ich Bücher über Schlafrituale und Erziehungsmethoden zum Durchschlafen in die Hand gedrückt. Ich bin mir sicher, die Ratgeber hatten die besten Absichten. Doch ich hatte nach dem Lesen mehr Fragezeichen als vorher.

In der Krabbelgruppe stellten wir jungen Mütter häufig unsere Fragen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie die Krabbelgruppen-Leiterin betonte: „Ein Gläschen sollten die Babys schon aufessen zum Mittagessen.“ Seitdem versuchte ich, so viel Brei wie möglich in mein Baby zu bekommen und verzweifelte jedes Mal kläglich nach einem halben Gläschen.

Außerdem gibt es ja noch Google. Ich verbiete mir bei jeder Frage bezüglich der Kinder, sie zu googlen – weil ich damit schlechte Erfahrungen gemacht habe. Und dann google ich es doch: „roter Ausschlag im Gesicht“. Hinterher bin ich verunsichert von all den vielen Meinungen, die mir präsentiert werden. Reagiert mein Kind vielleicht tatsächlich allergisch auf Laktose? Hat es Windpocken? Und ich ärgere mich, dass ich wieder in die Google-Falle getappt bin.

Verunsicherte Mutterseele

Und dann erinnere ich mich an ein Gespräch mit einer anderen Mutter im Foyer unserer Kirche. Ich war das erste Mal mit Baby im Gottesdienst und überlegte, wo ich am besten sitzen sollte. Sie hatte bereits drei Kinder, und ihre Meinung hätte mich sehr interessiert. Doch sie gab mir den besten Rat, den ich bis dahin erhalten hatte: „Du wirst sicher den besten Sitzplatz für dich und dein Baby finden. Bestimmt musst du ein bisschen ausprobieren, aber du wirst ganz bestimmt eine gute Entscheidung treffen.“

Sie traute mir zu, eine gute Mutter für mein Kind zu sein. Sie glaubte, dass ich gute Entscheidungen treffen konnte und dass es dazu gehört, Dinge auszuprobieren und Fehler zu machen. Und in ihrem Worten schwang die Überzeugung mit, dass es beim Muttersein nicht nur richtige und falsche Entscheidungen gibt, sondern einen guten Weg für jeden von uns. Ihre Worte waren wie Balsam auf meine verunsicherte Mutterseele!

Ich glaube, hier liegt einer der Knackpunkte: in meiner Mutterseele. Denn es ist vielleicht gar nicht so wichtig, wer uns wo welche Ratschläge gibt. Es geht gar nicht so sehr um die Ratgeber, Besserwisser und Google-Foren. Es geht um uns. Um mich. Und um den Boden, auf den diese Hinweise und Tipps fallen. Wenn da nur Unsicherheit, Verwirrung und Angst ist, dann richtet jeder noch so gute Ratschlag weitere Verwüstung an. Aber wenn die Ratschläge auf einen gesunden Seelenboden voller Selbstvertrauen, Gelassenheit und Hoffnung treffen, dann kann selbst die wunderbarste Mutter etwas davon lernen. Wie sieht es heute in mir aus? Wohin fallen die Ratschläge und Tipps?

Ratschlägen widersprechen

Ich bin überzeugt: Gottes Zuspruch verwandelt meine Seele in einen gesunden Boden. Wenn ich beginne zu glauben, dass ich eine gute Mutter sein kann, wenn ich mir bewusst mache, dass Gott mich mit allem ausgestattet hat, was ich dafür benötige, verändert sich der Boden, auf den die Ratschläge fallen. Ich werde zufriedener und gelassener. Ich kann Rat und Korrektur annehmen, ohne mich angegriffen zu fühlen. Ich kann von anderen lernen und zuhören. Nicht weil ich ohne sie alles falsch mache und eine schlechte Mutter bin, sondern weil ich mit ihrer Hilfe noch besser bin.

Ich kann dann auch immer besser Ratschläge hören und ihnen widersprechen, ohne dem Gegenüber ein Gefühl der Ablehnung zu vermitteln. Vor einer Weile haben wir uns entschieden, unseren zweijährigen Sohn bei der Tagesmutter abzumelden. Ich sprach mit einer bekannten Erzieherin darüber und sie riet mir, die Entscheidung noch einmal zu überdenken. Ich zögerte erst. Dann antwortete ich: „Ich schätze deine Meinung wirklich sehr, aber wir haben es uns gut überlegt. Wir glauben, eine gute Entscheidung für uns als Familie getroffen zu haben.“

Praktische Entscheidungshilfen 

Ich habe in den letzten Jahren einige Fragen entwickelt, die mir helfen, Entscheidungen bezüglich der Pflege und Erziehung meiner Kinder zu treffen:

1. Was braucht mein Kind?

2. Was wünsche ich mir?

3. Was weiß ich?

Ich finde jede dieser Fragen wichtig. Besonders wichtig finde ich, jede Frage für sich zu beantworten und das eine vom anderen zu trennen. Wenn es zum Beispiel darum geht, ob meine Kinder schon vor den Erwachsenen vom Esstisch aufstehen dürfen, frage ich mich:

1. Was braucht mein zweijähriger Sohn? Er braucht Nahrung und soll als erwachsener Mann einmal in der Lage sein, am gesellschaftlichen Leben beim Essen teilzunehmen.

2. Was wünsche ich mir? Ich wünsche mir, in Ruhe zu essen und mich mit den anderen Erwachsenen am Tisch unterhalten zu können.

3. Was weiß ich? Ich weiß, dass man mit zwei Jahren noch keine besonders lange Konzentrationsspanne hat. Ich kenne Erwartungen anderer bezüglich der „Manieren“ meiner Kinder. Ich weiß, dass es mich viel Erziehungsarbeit kosten würde, es ihm jetzt schon beizubringen. Die Frage ist nicht, ob er Tischmanieren lernt, sondern nur wann.

Also wägen mein Mann und ich ab und entscheiden uns, dass Liam aufstehen darf, sobald er sagt, er sei fertig. Haben wir erst einmal eine solche Entscheidung getroffen, kann ich viel besser mit Blicken, Fragen und Ratschlägen anderer umgehen. Ich kenne dann meinen Standpunkt, habe Frieden damit und kann von diesem Zustand aus reagieren und lernen.

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Die Gräten liegen lassen

Informationen zur dritten Frage hole ich mir in Büchern, auf Blogs, bei Freunden und Eltern von älteren Kindern. Außerdem frage ich den Kinderarzt, eine Hebamme oder bekannte Erzieher oder Pädagogen. Und diese Ratschläge behandle ich dann wie den Fisch beim Essen: Das Beste behalten und die Gräten liegen lassen. Ich höre mir gern vieles an, aber ich muss ja nicht alles übernehmen.

„Um ein Kind aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf“, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort. Dennoch sind wir als Eltern am Ende allein verantwortlich für die Erziehung unserer Kinder. Wir dürfen und müssen für sie entscheiden. Ich möchte es voller Selbstvertrauen, Gelassenheit und Hoffnung tun! Und ich glaube, dass Gott uns mit allem ausstattet, was wir dafür brauchen. Mein Wunsch ist es, als Mutter lernbereit und korrigierbar zu sein. Ich möchte nach wie vor nur das Allerbeste für meine Kinder – seit dem Tag an dem ich den Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Gott sei Dank, dass ich nicht allein mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe bin. Ich habe viele Menschen um mich herum, die mir dabei helfen können. Es gibt viele gute Bücher, viele tolle Blogs und viele wertvolle Erfahrungen, die Menschen vor mir gesammelt haben. Ich will von ihnen lernen. Ich bin nicht hilflos ohne sie. Aber ich bin besser mit ihnen.

Dieser Artikel erschien in der FAMILY 10/17 und ich darf ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion hier veröffentlichen.

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GEWINNSPIEL

Und jetzt freue ich mich, euch zu verraten, was es heute zu gewinnen gibt: Ein Jahresabo der Family Zeitschrift! Verratet mir doch bis zum 19.12.17 um 0:00 Uhr in den Kommentaren ob ihr in Erziehungsfragen am Liebsten auf Blogs, Bücher oder Bauchgefühl hört und schon seid ihr im Lostopf! Ich freue mich jetzt schon für die Gewinnerin und werde sie per Email benachrichtigen.

Teilnahmebedingungen:

  • Das Gewinnspiel endet am 19.12.2017 um Mitternacht.
  • Alle Teilnehmer müssen volljährig sein.
  • Der Gewinner wird per Mail von mir informiert.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

8 Antworten auf „Blog, Buch oder Bauchgefühl? + FAMILY ABO Verlosung

  1. Wenn ich nicht schon ein Abo hätte, würde ich sofort in den Lostopf hüpfen! Über den Artikel habe ich dich kenen gelernt und folge dir seit dem gespannt! 🙂

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  2. Hallo Sarah, danke für deine Gedanken. Im Nachhinein betrübt mich eigentlich am meisten, dass ich mich so oft habe verunsichern lassen (Aussagen wie „also ein Gläschen sollte es schon essen“). Verunsichern im Sinne von: Mache ich es richtig – mache ich es falsch? Dabei gibt es, das habe ich unter anderem von der Vertrauenspädagogik gelernt, nur ein „gut für dieses Kind“. Nach vier Kindern weiss ich definitiv, dass Kinder unterschiedlich sind und Unterschiedliches brauchen. Die drei Fragen, die ihr euch stellt, finde ich sehr hilfreich. Nochmals danke dafür! Liebe Grüsse Sonja

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  3. Hallo Sarah 🙂 Ich suche bei Erziehungsfragen am liebsten im Buch der Bücher nach Antworten. 🙂 Manchmal erkenne ich dort nicht auf Anhieb eine Anwendungsmöglichkeit für uns, wohl aber viele allgemeine Prinzipien, die ich sehr hilfreich finde. Für praktische Anwendungsmöglichkeiten dieser Prinzipien frage ich dann gerne erfahrene Eltern oder lese Blogs und Bücher. LG, Natalie

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  4. Ich hab momentan kein family-Abo. Ich fühle mich so zwischen family und family next… Aber als Geschenk würde ich sie gern nehmen *lach* Der Artikel war super, ich hab ihn im Original schon gelesen… Spontan würde ich Antworten: Weder Blog, noch Buch, noch Bauchgefühl. Gott! Aber Bauchgefühl kommt dem vielleicht am nächsten… Das sage ich aber, nachdem ich schon einige ganz verschiedene Bücher in meinem Leben über Erziehung gelesen habe und durchaus bereichert wurde. Liebe Grüße, Martha

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  5. Mit Beginn der ersten Schwangerschaft habe ich durch Google zu so einigen Blogs und Büchern gefunden, die mir als Entscheidungshilfe und Unterstützung für mein Bauchgefühl sehr nützen. Da in meinem Umfeld die kinderlosen Paare noch in der Mehrheit sind und so wenig Vergleichsmöglichkeiten bzw. Gesprächspartner da sind. Manchmal muss man von jemand anderem hören, wie sie es machen schon, um sich seine Meinung zu festigen oder eben auch neue Ansätze zu finden. Ich lese mit großer Freude abends im Bett ein – zwei Blogartikel und kann dabei wundervoll entspannen.

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  6. Wenn es um Erziehungsfragen geht dann hoere ich oft auf mein Bauchgefuehl und wenn es sich ergibt bete ich um die richtige Entscheidung. Schließlich weiss der Herr am besten was fuer meine Kinder gut ist.
    Oft frage ich aber auch meine Mama um Rat.

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