Ich habe eine ganze Weile überlegt ob ich das hier wirklich schreiben soll. Über Flüchtlinge, über Politik und über unsere Gesellschaft. Und ich kam mir irgendwie nicht qualifiziert genug dafür vor; politisch ungebildet und zu subjektiv. Und das bin ich auch ganz bestimmt nach wie vor. Trotzdem schreibe ich jetzt. Nicht über Flüchtlinge – sondern über Menschen. Und nicht über die Gesellschaft – sondern über mich. Und über uns.

Lange bevor ich meinen Mann geheiratet habe, als ich ihn eigentlich noch gar nicht richtig kannte, ging ich mit ihm aus arbeitstechnischen Gründen durch ein Flüchtlingsheim. Und ich erinnere mich wie ich sagte „Oh man, wie schrecklich diese Menschen hier leben müssen“. Ich weiß nicht mehr was er sagte, aber als ich ihn und seine Familie besser kennen lernte, musste ich immer mal wieder an diese kleine Situation denken. Wie naiv ich war. Denn nach und nach stellte ich fest, dass auch seine Familie einmal zu diesen Menschen gehört hatte. Geflohen aus dem Iran. Ein Flüchtlingskind im Flüchtlingsheim.

Warum kommt mir allein dieser Begriff nur so komisch vor? Flüchtling. Vielleicht weil er so ausgelutsch ist, so ein bisschen von oben herab. Das sind immer „die da“, diese Menschen. Wie ein Projekt, eine Krise oder besser Herausforderung, wie man jetzt wohl politisch korrekt sagt. Aber das ist kein Projekt, kein Flüchtling, keine Krise, keine Herausforderung. Das ist mein Mann. Ein Mensch den ich liebe. Und plötzlich rücken solche gesellschaftspolitischen Themen in meinem Leben ein bisschen näher an mein Herz.

Und dann höre ich die Leute sagen, schreiben, posten und teilen: „Es ist genug!“, „Wir können nicht mehr!“ und „Wir müssen auch unseren Verstand einschalten“. Ich meine nicht diejenigen, die Flüchtlinge als „Plage“ bezeichnen oder die braunen Hassparolen-Sänger. Ich meine damit die unter uns, die es gut meinen, die helfen wollen und merken: Wir können nicht mehr. Da sind räumliche, soziale und wirtschaftliche Grenzen die überschritten zu sein scheinen.

Und ja, es scheint auch mir ein Fass ohne Boden zu sein. Ein echtes Problem. Und auch ich bin nicht der Meinung, dass jeder hier einfach seine Zelte aufschlagen kann und bis ans Ende seines Lebens Hartz IV bezieht und wir ihm aus lauter Mitleid auch noch seinen Flachbildfernseher finanzieren.

Aber solange da Frauen, wie ich, ängstlich vor Grenzen sitzen und Kinder, wie meins, an Strände gespült werden. Und Männer, wie meiner, in Kriegen kämpfen. Und solange ich noch ein Bett habe und mehr zu Essen als ich brauche. Und ein Auto und Kleidung für mein Kind. Und immer noch Geld um ins Restaurant zu gehen und Zeit zum Totschlagen und eine Krankenversichertenkarte. Solange ich nachts ruhig schlafe und morgens in Frieden aufwache. Solange ich noch etwas zum Teilen habe, will ich teilen. Mein Land, meinen Bäcker, meine Strasse, meinen Arzt, Liam‘s KiTa und unsere Spielplätze. Wenn es nur das ist was ich tun kann, dann will ich sehr gerne bereit sein es zu tun. Und eigentlich will ich da noch viel mehr.

Never worry about numbers. Help one person at a time, and always start with the person nearest to you. (Mother Teresa)

Ich persönlich merke, dass meine Bereitschaft zu teilen, aufzunehmen und zu lieben wächst, umso mehr Geschichten ich höre und umso mehr Menschen ich bereit bin kennen zulernen. Und umso länger ich hingucke wenn tote Kinder an Stränden liegen.

Ja, das ist subjektiv. Ja, das ist Mitleid. Und das ist auch emotional. Aber sind nicht die subjektiven und leidenschaftlichen Menschen, die echtes Mitleid zulassen, oft die einzigen die es wagen Grenzen zu überschreiten und darüber hinaus zu lieben und willkommen zu heißen und zu teilen?

Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken noch für Gefühle. Es ist Angst, die immer Grenzen setzt. (Ingmar Bergman)

Wir brauchen Lösungen – und ich habe sie auch nicht. Aber ich weiß was keine Lösung ist: Aus Angst vor Überforderung die Arme zu verschränken und zu sagen „Wir können nicht mehr. Es ist genug“. Ich glaube wir können noch viel und noch lange. Und ich glaube wir sollten aufhören uns wie Opfer zu verhalten, denen hier ihr Recht auf unbeschwertes Leben geraubt wird und anfangen Täter zu werden, die aktiv mit denen teilen die auf der Flucht nach nur ein bisschen Frieden sind. Denn diese Menschen haben Namen.

Jeder von ihnen hat einen Namen. Und: Ja, es sind viele. Aber wir sind auch viele.

Fotos von Vaughn Wallace & Barry Malone

2 replies on “Jeder von ihnen hat einen Namen. Und: Ja, es sind viele.

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