Sie greift zum Hörer und wählt zum dritten Mal in ihrem Leben diese eine Nummer. Die Nummer der Familienanwältin. Ungläubig, dass das ihr Leben ist. Sie war bereit alles zu geben und hat jetzt auch verstanden, dass ihre Hingabe viel zu lange ausgenutzt wurde. Dass sie sich aufgeben würde, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Niemand mehr, der sich kümmern kann. Dafür liebt sie ihre Kinder zu sehr. Sie wird nicht mehr nur selbstlos geben, sie wird sich beraten lassen, sich überlegen, was gut und richtig ist und Grenzen setzen. In allen Visionen ihrer Zukunft, hatte sie sich diese Nummer nie wählen sehen. Und jetzt piept es.

Ja, das war anders gedacht. Doch Scheitern sieht anders aus.

Jeden Tag bringt sie ihre Söhne als erstes in die Frühbetreuung und ist eine der letzten, die sie wieder abholt. Abends, wenn die Kinder schlafen, träumt sie von einem anderen Job und einem besseren Leben und studiert gegen die vor Müdigkeit schweren Augen gegen an. Sie schafft es nicht zu jedem Elternabend, hat in den Kindergarten immer nur gekaufte Kuchen mitgebracht und ihre Söhne verabreden sich meistens bei den Familien ihrer Freunde, weil sie noch arbeitet, während andere Eltern mit ihren Kindern Waffeln backen. Sie hat nicht alles, was sie will, aber sie ist frei von dem, was sie nicht mehr wollte.

Scheitern sieht anders aus.

Sie sitzen herzlich lachend am Küchentisch. Sie hält sich ihren Bauch, Tränen laufen ihre Wangen herunter. Der Vater ihrer Kinder und sie mit ihrem Partner haben die beste Zeit miteinander. Sie haben es geschafft! Das Ende ihrer Liebe hat nicht das Ende ihrer Freude bedeutet. Immer wieder haben beide einander etwas gegönnt, Kompromisse gemacht und die Kinder in den Blick genommen.

Scheitern sieht anders aus.

Sie kniet lässig mit Sonnenbrille und Gangsterpose neben ihren Kindern vor einem schnellen Auto. Ihre Tochter trägt ein Blümchenkleid, ihr Sohn eine coole Cap und sie sehen so frei und glücklich aus! Doch nachts schließt sie immer noch die Haustür zweimal ab. Und an den freien Wochenenden, an denen sie mit ihren Freundinnen auf Festivals tanzt, ist doch unter all der Freiheit immer noch dieser Schmerz, dass ihre Kinder gerade bei dem sind, dem sie vor Gericht nach wie vor nicht das Sorgerecht entziehen konnte. Der Schmerz, dass dieser Mann, der ihr mit ausgestreckter Hand ins Gesicht schlug immer der Vater, ihrer Kinder sein wird.

Scheitern sieht anders aus.

Sie hatte gedacht, das war Liebe. Die ganz große. Doch für ihn war die große Liebe nicht genug und der Schmerz darüber, dass sie es nicht kommen sehen hat, dass sie es nicht retten konnte und immer noch nicht reparieren kann, sitzt immer noch auf der Rückbank, wenn sie ihre Tochter zu deren Papa fährt. Was sie für gut gehalten hatte und wofür sie sich aufgegeben hat, was ihm nicht einmal wert zu beenden, bevor er begann, eine andere zu lieben. Aber sie steht jeden Morgen auf und sieht ihrer Tochter in die Augen und sagt ihr mit aufrichtigen Herzen, dass sie das Beste ist, was ihr jemals passiert ist.

Scheitern sieht anders aus.

Als meine Ehe auseinander brach, dachte ich, ich wäre gescheitert. So hart auf dem Boden aufgekommen, wie noch nie zuvor. Und dann sehe ich mich um und sehe all die Frauen neben und vor und hinter mir, die allein oder getrennt erziehend leben. Und ich bewundere sie. Aus der Tiefe meines Herzens. Ich sehe keine gescheiterten Frauen. Ich sehe große, starke, sanfte, liebevolle, sanftmütigen, schöne und strahlende Frauen! Wir alle haben gemeinsam, dass wir in einer Realität leben, die wir uns einmal anders vorgestellt hatten. Und dass wir dabei die Verantwortung für kleine Menschen tragen, dass wir sie halten und ihnen Halt geben. Auch an Tagen, an denen sie selbst gar nicht wissen, wie wir es aus dem Bett schaffen sollen. Wir schaffen es. Immer wieder. Und wir strahlen. Eine starke und leise Würde, die man manchmal nur auf ungeraden Wegen finden kann. Das war so nicht geplant, aber Scheitern sieht anders aus.

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