Heute Morgen, auf dem Weg zum Kindergarten, sehe ich, wie das Licht durch die Lücken der Bäume weiße Lichtkegel in den Nebel malt. Ich umfahre einen Stau und beobachte, wie der Postbote, über sein volles Fahrrad gelehnt, auf sein Handy guckend eine Zigarette raucht. Ich muss lächeln, weil der Rauch in der kalten Morgensonne wirklich schön aussieht. Meine Kinder hätten es ekelhaft gefunden, aber ich mag frischen Zigarettengeruch.
Da ruft meine Tochter: „Guck mal, Mama, was ist das für ein Vogel?“ Ich gucke. Und gucke nochmal. Kurz denke ich, es sei ein Fasan. Doch dann gucke ich nochmal.
Beim Aussteigen knirschen die Bucheckern unter meinen Schuhen. Es sind schon die Winterschuhe – in die kann ich immer so gemütlich reinschlüpfen. Aber putzen müsste ich sie nochmal. An diesen Gedanken kann ich mich eigentlich gleich gewöhnen, denn ich werde ihn wohl noch einige Male haben. Vielleicht den ganzen Winter. Bis ich es irgendwann einfach mache – auch ohne, dass ich dafür Zeit habe. Vielleicht während meine ganze Familie im Auto schon auf mich wartet. Einfach, weil ich diesen Gedanken nicht mehr haben will. Irgendwann.
Aber erstmal die Kinder in der Kita abgeben. Wir sind mal wieder zu spät. Dabei gehen sie sowieso nur fünf Stunden am Tag, und es wäre doch schön, wenn ich diese Stunden wenigstens nutzen würde. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es schön finde, dass ich es mir erlauben kann, zu spät loszukommen, und kein Arbeitgeber unzufrieden mit mir ist, oder ob genau das der Grund dafür ist, dass ich so viele Gedanken an ungeputzte Schuhe und unerledigte E-Mails mit mir herumtrage, die dann eben nicht erledigt werden. Doch irgendwie vermute ich, dass diese Gedanken mich immer verfolgen werden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es möglich ist, so gut organisiert zu sein und so viele Stunden zur Verfügung zu haben, dass es im Kopf einfach ruhig ist. Und doch wünsche ich es mir irgendwie – und irgendwie langweilt mich der Gedanke daran auch sehr. Es wäre doch also für meine innere Happynesshygiene wahrscheinlich am besten, ich würde mich einfach daran erfreuen.
Jetzt bin ich mir sicher: Es ist ein Huhn. Ein kleines, junges Huhn vor der Kita. Ich instruiere meine Tochter, an einem Busch stehen zu bleiben. Sie weiß, wie man ein Huhn behandelt, das weiß ich. Jetzt ist das Huhn gestresst, es gackert wie ein Huhn. Es ist also sicher ein Huhn. Fast habe ich es, da flattert es mir mitten ins Gesicht und schlüpft mir durch die Finger.
Ich gebe jetzt wirklich erstmal die Kinder ab – noch später. Aber vielleicht denkt ja jetzt niemand mehr, dass das an meinem schlechten Zeitmanagement liegt, sondern an meiner großen Tierliebe.
Bevor ich nach Hause fahre, mache ich noch ein Foto vom Huhn irgendwo da hinten im Busch für sämtliche WhatsApp-Gruppen, um die Besitzer zu finden, und stelle mich darauf ein, nachher mit Mehlwürmern und Transportkorb wiederzukommen. Denn das Huhn braucht sein Zuhause, und ich bringe es einfach nicht übers Herz, es die nächste Nacht vom Marder fressen zu lassen. Die Verantwortung für die Rettung der Menschheit und des Planeten habe ich mittlerweile hinter mir gelassen – mit zwanzig hatte ich mir das fest vorgenommen. Und ich war auch irgendwie der Überzeugung, dass ich das schaffen kann. Der Not begegnen. Es war ernüchternd und hat einige Krisen gekostet, festzustellen, dass dem nicht so ist. Doch an so einem Huhn kann ich nicht vorbeigehen. Ich werde es retten, auch wenn ich dafür zwei Stunden durch Gestrüpp kriechen muss.
Ich denke wieder an meine ungeputzten Winterschuhe, für die ich keine Zeit habe. Vielleicht wäre es für meine innere Happynesshygiene besser, ich würde mich einfach daran erfreuen, dass ich tatsächlich Wichtigeres zu tun hatte und nicht zu wenig Zeit.