Dieser Beitrag ist wie ein Waldspaziergang. Er nimmt dich mit, holt dich ab und zeigt dir die Richtung, um anzukommen. Klicke hier, um ihn dir anzuhören statt zu lesen.
Ich gehe im Moment wieder häufiger im Wald spazieren. Das Buch „gründe Wunder erleben“ über spirituelle Naturerlebnisse hat mich wieder daran erinnert, dass das mein Ort ist. Mein Zugang zu Gott, mein Ventil für meinen Frust, der Ort, an dem ich klar denke, an dem ich ankomme und wo sich vieles in mir entspannt. Das könnte auch das Meer oder die Berge sein, aber hier ist nun mal der Wald und der ist mir genug.
Im Wald mache ich erstmal möglichst wenig. Darin liegt für mich der Schatz dieser Zeit verborgen. Ich erzwinge nichts, versuche nichts, leiste nichts. Es gibt keine vorgegebene Anzahl von Atemzügen, keine Gebetsstrukturen, keinen Plan. Ich bin einfach da. Das ist für mich total entgegen vieler rastloser Impulse, die ich sonst so verspüre. Und es ist genau das, was ich brauche. Manchmal passiert einfach nichts. Und manchmal kommt plötzlich ein Gedanke, ein Reh, ein Sonnenstrahl und überrascht mich. Manchmal ist es ein Zusammenspiel aus meinen Gedanken, Gebeten, den Zyklen der Natur und den kleinen Dingen, die ganz bestimmt nicht zufällig passieren. Manchmal sind es diese leeren Momente, die von Frieden geflutet werden, in denen ich bei mir ankomme. In denen ich plötzlich zu Tränen gerührt bin. Und ich verlasse den Wald anders als ich ihn betreten habe.
Nicht immer bin ich allein im Wald. Manchmal teile ich ihn mit anderen Hungrigen nach Ruhe und Entspannung. Manchmal finde ich mich in ihnen und meine geschärften Sinne nehmen ihre Sorgen wahr. Wie neulich, als eine junge Frau mir auf dem Hin- und Rückweg begegnete. Sie hatte einen Hund an der Leine. Auch der schien jung und sportlich zu sein; er war caramelfarben und relativ groß – einer dieser Rassehunde, die so einen dunklen Farbstrich auf dem Rücken haben. Immer wieder hielt der Hund getrieben von seiner Neugier an und beschnüffelte den Boden am Wegrand. Immer wieder zog sie ihn voran – immer wieder drei Schritte weiter -, während ihre Körperspannung wuchs. „So kommen wir nie nach Hause“, schnaubte sie irgendwann entnervt, während sie nachgab und die Leine hängen ließ.
Sie wollte unbedingt ankommen, doch sie kam nicht voran. Hastig zog sie die Tür hinter sich zu. Ihre jüngeren Kolleginnen würden gleich im Büro ankommen und im anstrengendsten Fall schon eine Runde Yoga und einen frischen Ingwertee samt einer ausgiebigen Morgenroutine hinter sich haben – samt Kosmetik, Leseplan, tiefen Atemzügen und Meditation.
Die anderen würden direkt aus dem Bett ins Büro gefallen sein mit einem kurzen Abstecher ins Bad und zur Kaffeemaschine; sie würden in Ruhe ankommen.
Ihre tiefen Atemzüge hatten dagegen auf dem Kinderzimmerfußboden beim Sockenanziehen stattgefunden, als sie versuchte im Anblick der tickenden Minuten und der unbekümmerten Unzufriedenheit ihres dreijährigen Sohnes nicht den Verstand zu verlieren: „Mama, die sind zu eng!“ „Nein, so waren die vorher nicht!“ „Mama, das drückt!“ „Wo sind meine Lieblingssocken?“. Anstatt Yogaübungen hatte sie eine neue Lektion im Honigbrotschneiden geübt; denn sie hatte das quadratische Brot längs statt quer durchgeschnitten und wurde dann von der einzigen Personengruppe, die diesen Unterschied kennt, deutlich darauf hingewiesen, dass das ein unverzeihlicher Fehler war.
Sie mochte eigentlich keinen Honig und hatte dennoch das Brot zur Konfliktvermeidung selber gegessen während sie ein Neues schmierte.
Gefühlt hatte sie einen Arbeitstag hinter sich als sie ihren Sohn im Kindergarten abgegeben hatte; dafür wollte sie dankbar sein denn aufgrund der aktuellen Erkältungswelle war sie eine der zehn Familien gewesen die einen Platz in der Notbetreuung ergattert hatten.
Sie sehnte sich nach Yoga, Meditation und freiwilligen tiefen Atemzügen als sie in die überfüllte S-Bahn stieg und hoffte pünktlich im Büro anzukommen.
Als sie am Wochenende nach dem romantisch gedachten doch eher chaotisch geendeten Familienfrühstück den Tisch verließ den Hund nahm und angespannt die Tür hinter sich zuzog während sie hoffte dass der Tisch nicht noch aufs Abräumen warten würde wenn sie zurückkommt atmete sie drei Mal tief durch. Sie wollte in den Wald.
Dort angekommen wurden die Schritte etwas langsamer doch die Anspannung blieb. Warum konnte sie sich nicht entspannen? Warum war es hier nicht schön für sie? Sie sehnte sich nach dem Strand in Thailand – vielleicht könnte sie dort abschalten.
Immer wieder zog der Hund getrieben von Neugier Richtung Gebüsch. Es ging für ihren Geschmack viel zu langsam vorwärts: „So kommen wir nie nach Hause“, schnaubte sie als sie aus dem Augenwinkel eine Spaziergängerin sah die sich auf dem Weg nach Hause die Tränen aus den Augenwinkeln wischte.
Worüber hatte wohl geweint? Und wann hatte eigentlich das letzte Mal geweint?
Und ganz sanft löste sich etwas: Da war so viel zu betrauern. So viele Emotionen für die sie im Alltag keine Zeit hatte. Doch jetzt war sie hier gefangen in der Neugier eines Hundes der nicht weiter wollte während ihr eine leise Träne über die Kante ihres Unterlids rollte.
Da rollte sanft etwas Verzweiflung und Ohnmacht ihre Wange herunter. Die Last der letzten Wochen, die Sorgen um die Zukunft. Sie machten jetzt den Weg frei, obwohl sich gar nichts bewegte. Sie bahnten ihr einen Weg, den Füße nicht gehen können. Einen Weg, den manche zwar in Thailand vermuten, aber die wenigsten dort gefunden haben.
Durch den Schleier ihrer einzelnen Tränen sah ihren Hund glücklich in einem Kaninchenbau wühlen, während auch ihre Aufmerksamkeit unter Oberfläche gelenkt wurde.
Sie blieb stehen. Ließ die Leine locker und die Schultern sinken. Sie würde nicht zu spät kommen. Sie kam gerade an.